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Proben für die Karfreitagsprozession: „Judas war Täter, nicht Opfer“

Proben für die Karfreitagsprozession: „Judas war Täter, nicht Opfer“

Mitglieder der katholischen italienischen Gemeinde proben schon für die traditionelle Karfreitagsprozession.

Wuppertal. Sie sitzen an einem Tisch. Singen miteinander. Rechts von Jesus sitzt Judas. Judas Iskariot der Verräter. „In verità vi dico qualcuno mi tradirà“, sagt Jesus zu seinen Jüngern auf Italienisch, was soviel heißt wie „Ich versichere euch: Einer von euch wird mich verraten“. Die Proben für die Karfreitagsprozession der katholischen italienischen Gemeinde haben bereits begonnen.

Im Johanneshaus an der Normannenstraße wird das letzte Abendmahl, l’ultima cena, nachgespielt. Noch ohne Kostüme und provisorischen Requisiten auf dem Tisch. Nur ein Schluck Wein wurde schon in den Kelch gefüllt, welchen Jesus seinen Jüngern reicht. Die Anspannung der Schauspieler ist schon zu spüren. Hier und da fehlt der Text und die Szene muss öfters wiederholt werden. Judas tunkt ein imaginäres Stück Brot in sein Essen, während die anderen Jünger bestürzt fragen, wer Jesus verraten wird. „E´colui che intinge il pane con me nel piatto“, Judas ist ertappt. Er muss sich das Lachen verkneifen und auch Jesus kann nicht mehr an sich halten.

„Die anderen haben ein paar Witze über mich als Judas gemacht, da konnte ich nicht mehr“, sagt Filippo Vinciprova (45). Er spielt zum zweiten Mal den Judas. Ihm gefällt die Rolle, trotzdem sie die des Bösen ist. In diesem Jahr hat er aber einen neuen Jesus: Gerlando Galluzzo (32). Mit seinem Rauschebart und den langen zurück gegelten Haaren ist er als Sohn Gottes zu erkennen. Aber nicht nur sein Äußerliches verschafft ihm einen Vorteil. „2004 bis 2006 habe ich den Jesus schon einmal gespielt.“

Für beide Darsteller ist es eine Frage des Glaubens bei der Prozession mitzuwirken. „Es ist eine große Ehre den Jesus zu spielen. Ich tanke Kraft und Glauben“, sagt Galluzzo. Seitdem er 15 Jahre alt ist, spielt er mit. Auch Vinciprova war schon als Jugendlicher dabei. Als Apostel oder Römer zog er meistens am Karfreitag durch die Wuppertaler Straßen. Nun halten die Zuschauer wegen ihm den Atem an. „Wenn er mir den Kuss gibt und mich dadurch verrät, dann bekomme auch ich eine Gänsehaut“, sagt Galluzzo.

Ob Judas Jesus aus einem anderen Grund als aus Geldgier verraten hat, steht bei den Darstellern nicht zur Debatte. „Für mich ist Judas der Täter und nicht das Opfer“, sagt Vinciprova. Obwohl Jesus ihn im Johannesevangelium zum Verrat auffordert, hält Vinciprova am Matthäusevangelium fest: „Jesus war ein guter Freund von ihm. Sie haben zusammen gelehrt und jeden Tag miteinander verbracht. Und er verrät ihn wegen des Geldes.“ Galluzzo stimmt ihm zu: „Die Meinung der Menschen ist käuflich. So auch bei Judas. Aber er stand bestimmt unter einem großen Druck.“ Was passiert wäre, wenn Judas Jesus nicht verraten hätte? „Selbstverständlich gäbe es auch so das Christentum, aber mit einer anderen Geschichte.“

Die Darsteller freuen sich jetzt erst mal auf die Prozession. Wenn Jesus wieder mit seinem Kreuz durch die Straßen läuft, gefolgt von den Jüngern, Frauen, Aposteln, Kindern und Römern.