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Begrabt mein Herz in Wuppertal: Plötzlich neureich – aber nett!

Begrabt mein Herz in Wuppertal : Plötzlich neureich – aber nett!

Es gibt in meinem Leben Momente der Muße und Stille, die aber auch von einer tief spürbaren Einsamkeit geprägt sind. Oft sind das Zeiten, in denen ich vergeblich an meiner Lieblingshaltestelle auf die Einfahrt der Schwebebahn warte oder mich beim Spazierengehen verlaufe.

Vor einigen Tagen war wieder so eine Situation. Nachdem ich stundenlang durch Barmen schritt, mal links, mal rechts um Ecken bog, kurze und lange Straßen passiert hatte, wollte ich eine kleine Pause einlegen.

In diese Gegend hatte ich noch nie einen Fuß gesetzt. Alles war mir so fremd, als würde ich gerade Gütersloh oder Witten-Annen einen Besuch abstatten. Mich überkam eine leichte Angst, keine Angst, die in mir eine große Panik hervorrief, nein, aber es war schon ein wenig zum Fürchten. Da ich, als Freund des Bargeldverkehrs, niemals ohne eine maßvoll gefüllte Geldbörse mein Haus verlasse, gab es immer die Möglichkeit, ein Taxi zu bestellen, damit ich unbeschadet wieder nach Hause käme. Da ich auch mit Siri meine Situation kurz erörtert hatte, und sie mir spontan den Kompass des I-Phones aufs Display legte, blieb ich relativ ruhig und besonnen.

An der nächsten Ecke lud ein Kiosk zum kurzen Verweilen ein. Ich bestellte ein belegtes Roggen-Vollkorn-Baguette und einen Kaffee zum Sitzen. In solchen Situationen, das wollte ich Ihnen eigentlich erzählen, fallen mir immer kuriose Erlebnisse aus der Vergangenheit ein. Nachdem ich es mir im Klappstuhl des Kiosk gemütlich gemacht hatte, erinnerte ich mich an einen Tagesausflug mit meinen Eltern. In unserem klapprigen alten VW-Käfer fuhren wir nach Lüttich. Mein Vater schwärmte im Auto von den tollen belgischen Pommes, die dort natürlich viel besser schmeckten als bei uns. Aber es stimmte auch.

Irgendwann kehrten wir in ein kleines Restaurant ein. Am Nachbartisch saß ein äußerst aufwendig gekleidetes Ehepaar, sie sprachen wie wir, also müssen es Deutsche gewesen sein. Beide schauten ab und zu arrogant zu uns herüber, tuschelten und lachten. Als Kind war meine Schüchternheit sehr ausgeprägt. Ich nahm an, die Leute würden sich über meine Eltern und uns Kinder lustig machen, weil wir nicht so teure Sachen trugen. Ich hasste diese Angeber die ganze Zeit, von der Vorspeise bis zum Nachtisch.

Meine Eltern hatten nicht viel Geld, aber für so einen Ausflug sparten sie vorher. Wir hatten ein Menü mit drei Gängen. Alles war sehr lecker. Nur diese doofen Leute am Nachbartisch verdarben mir ein wenig die Stimmung. Endlich kam die Kellnerin, räumte die Teller am Nachbartisch ab. Der Mann hatte ein großes, mit viel Geld vollgestopftes Portemonnaie. Er bezahlte und bevor sie die Lokalität verließen, warf er uns noch einen abfälligen Blick zu. Ich spürte eine große Erleichterung, als er endlich weg war. Mein Vater sagte dann, daran kann ich mich erinnern: „Das waren Neureiche, die sind meistens entsetzlich.“ Durch das Fenster der Gaststätte sah ich, wie sie in ihren protzigen, roten Sportwagen stiegen, den Motor aufheulen ließen und davonfuhren. Ich wollte sie nie mehr in meinem Leben wiedersehen. Wir zahlten dann auch.

Als wir zum Ausgang gingen, bemerkte mein Vater, dass der fiese Mann seine dicke Geldbörse auf dem Tisch vergessen hatte. Blitzschnell steckte er sie in seine Manteltasche. Niemand hatte es gesehen, auch meine Mutter nicht - nur ich. Mein Vater hatte es jetzt plötzlich eilig zum Auto zu kommen: „Lasst uns bitte schnell fahren, ich möchte nicht im Dunklen heimkommen!“ Meine Mutter wollte zwar gerne noch ein wenig durch die Straßen Lüttichs bummeln, fügte sich dann aber der Bitte ihres Mannes.

Auf dem Heimweg sahen wir den roten Sportwagen wieder. Er stand am Straßenrand und die Motorhaube war geöffnet. Wir mussten alle lachen und freuten uns, dass diese Idioten eine Panne hatten. Einige Tage später kam mein Vater mit einem großen Blumenstrauß von der Arbeit. Er hatte auch Geschenke mitgebracht. Meine Mutter bekam eine goldene Kette, mein Bruder einen Handball aus echtem Leder und ich einen roten Porsche mit Fernbedienung. Meine Mutter war irritiert und fragte, ob es einen Grund für die Bescherung gäbe. Vater meinte dann, er hätte uns einfach sehr lieb. Nur ich kannte die Wahrheit: Wir waren jetzt Neureiche - aber nette!