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PCB-Warnung in Wuppertal: Das müssen Anwohner wissen

Kein Einzelfall in NRW : PCB-Warnung in Wuppertal: Das müssen Sie wissen

Das Landesumweltamt hat erhöhte PCB-Werte nahe eines Unternehmens in Wuppertal gefunden – kein Einzelfall in NRW.

Weil das Landesumweltamt in Löwenzahn aus dem Umfeld des Coroplast-Werks in Nächstebreck erhöhte PCB-Werte gefunden hat, rät die Stadt Anwohnern vorsorglich davon ab, Blattgemüse aus dem eigenen Garten zu verzehren. Das sei eine Vorsichtsmaßnahme, betont Hubert Leonard Nobis, stellvertretender Leiter des Umweltamts. Es gehe darum, weitere Ansammlung von giftigen PCB im Körper zu verhindern, die Stoffe seien nicht akut gefährlich.

Nachdem in Ennepetal im vergangenen Jahr erhöhte PCB-Werte im Umfeld des Unternehmens BIW gefunden worden waren, hatte das Land Untersuchungen bei den weiteren acht Unternehmen veranlasst, die in NRW ebenfalls Silikon herstellen. Dazu gehören auch die beiden Unternehmen Prysmian in Ronsdorf und Coroplast in Nächstebreck. Bodenproben ergaben bei beiden keine Auffälligkeiten. Aber beim so genannten Löwenzahn-Screening, das die Anreicherung von PCB in Pflanzen misst, wurden zur Überraschung der Fachleute erhöhte Werte festgestellt.

Anwohner in dem gelb umrandeten Areal sollten das Blattgemüse aus ihrem Garten in diesem Jahr nicht essen. Foto: klxm

In Ronsdorf lagen die Werte an einer der vier geprüften Stellen über dem Richtwert von 1,7 Mikrogramm / Kilogramm Frischmasse. Da die Fundstelle jedoch auf einem Friedhof lag, sah die Stadt keinen Handlungsbedarf. In Nächstebreck überschritten die Werte an drei von vier Stellen den Richtwert, lagen bei 2,1, 3,0 und – nah am Werk – bei 8,0. „Das sind aber deutlich geringere Werte als in Ennepetal“, betonte Nobis.

Dennoch gibt es die Empfehlung an die Anwohner eines fest umrissenen Gebiets, Blattgemüse aus dem eigenen Garten nicht zu essen. Dazu zählen zum Beispiel Feldsalat, Pflücksalat, Rucola, Spinat, Mangold, Staudensellerie und Kräuter – diese Pflanzen haben große Oberflächen, über die sie PCB aufnehmen können. Keine Bedenken bestehen bei Kopfsalat und anderen kopfbildenden Salaten, bei Wurzelgemüse wie Möhren und Kartoffeln und bei Früchten, die man gut waschen kann.

Informationen zu den Verzehrempfehlungen, eine Karte sowie eine Straßenliste des betroffenen Gebiets stellt die Stadt auf ihrer Internetseite zur Verfügung. Auf Nachfrage im Umweltausschuss erklärte Dezernent Frank Meyer: „Wir überlegen noch, ob wir die Menschen über eine Hauswurfsendung informieren können.“

Um noch genauer festzustellen, wie viel PCB durch die Luft in Pflanzen gelangt, soll es ab August eine „Grünkohl-Kampagne“ geben. Dabei werden Setzlinge unter genau festgelegten Bedingungen in Boxen gepflanzt und ausgesetzt, nach 100 Tagen Wachstum untersucht. Wegen seiner gekräuselten Oberfläche kann Grünkohl besonders viel PCB aufnehmen. Das ist für Nächstebreck vorgesehen, ob Grünkohl auch in Ronsdorf aufgestellt wird, steht noch nicht fest.

Stadt lobt Zusammenarbeit
mit den Firmen

Beide Firmen produzieren Kabel mit Silikonkautschuk, bei dessen Herstellung PCB entstehen. Umweltdezernent Frank Meyer machte auf eine Regelungslücke aufmerksam: PCB herzustellen sei durch eine EU-Richtlinie verboten, aber nicht, dass PCB bei der Herstellung anderer Produkte entsteht. Anlagen, bei deren Betrieb PCB entstehen kann, müssen nicht emissionsrechtlich genehmigt werden. Das Land NRW habe jetzt die Initiative ergriffen und ein Gesetz auf den Weg gebracht.

Beide Wuppertaler Unternehmen hätten „sehr konstruktiv mitgearbeitet“, lobte Frank Meyer, dafür sei er sehr dankbar. So habe Prysmian die Produktion der Kabel auf nur noch wenige Tage pro Monat reduziert. Coroplast hat beschlossen, die Produktionsweise künftig aufzugeben. Ohnehin würden nur noch 20 Prozent der Kabel auf diese Weise hergestellt. Auch dieser Anteil soll bis Ende des Jahres auf eine andere Produktion umgestellt werden. Coroplast-Sprecher Olaf Frei erklärte, eine frühere Umstellung sei nicht möglich, weil sie Lieferverträge mit Automobilherstellern hätten, neue Kabel erst zertifiziert werden müssten. Er verwies darauf, dass das Unternehmen in den letzten fünf Jahren sieben Millionen Euro in Produktions- und Filteranlagen investiert habe. Aktuell würden bereits 75 Prozent des PCB aus der Abluft gefiltert.

Hermann-Josef Richter, Vorsitzender des Bürgervereins Nächstebreck kritisiert die Informationspolitik der Stadt. Er hätte sich gewünscht, dass die Stadt bereits im Zusammenhang mit der Entnahme von Bodenproben im April die Anwohner informiert. Er erinnert, dass die Stadt vor Jahren beim Verdacht von Altlasten unter einer Kleingartenanlage die Pächter zur Vorsicht aufgefordert hat, später habe man Entwarnung geben können. „So hätte ich mir das gewünscht“, erklärte er. „Man muss keine Panik machen, vielleicht hätte es gereicht, zu besonders gründlichem Waschen aufzufordern.“

Er hatte bereits mehrfach bei der Stadt nachgefragt, was aus den Bodenproben geworden ist, erfuhr dann aber doch erst aus der Presse von den PCB-Funden. „Es geht ums Vertrauen“, erklärt er. „Die Bürger sollen das Gefühl haben, sich darauf verlassen zu können, informiert zu werden, wenn es gefährlich ist.“

Dezernent Frank Meyer hatte erklärt, die Stadt habe zeitnah informiert. Die Bodenproben seien nicht belastet gewesen, den Bericht über den PCB-Befund im Löwenzahn habe die Stadt am Donnerstag erhalten. Am Montag hätten Stadt und Landesumweltamt gemeinsam die Verzehrliste und die Karte – ausgerichtet auch an der Hauptwindrichtung – erstellt.