1. NRW
  2. Wuppertal

Parkplatznot auf dem Wuppertaler Ölberg: Kein Mut zur Lücke

Verkehr : Parkplatznot auf dem Ölberg: Kein Mut zur Lücke

Auf dem Ölberg ist die Lage zu Corona-Zeiten noch angespannter als sonst - denn fast alle sind zu Hause.

18 Uhr auf dem Ölberg. Auf der Straße ist wenig los, nur aus den offenen Fenstern der Gründerzeit-Häuser dringen noch die Geräusche des städtischen Lebens. In der Ferne schreit ein Kind, irgendwo spielt Aerobic-Musik und ein Mann telefoniert sich in Rage. Die Sonne steht schon tief, das Viertel ist in Corona-Zeiten um diese Zeit zu Hause. Nur einige müssen raus. Zum Beispiel zur Arbeit. Diese Rückkehrer haben jetzt abends ein Problem. Sie treffen am Bordsteinrand auf eine Abwehrkette aus Blech: Alle Parkplätze sind restlos belegt.

Zwischen Schusterstraße, Marienstraße und Hedwigstraße fahren die Autos durch das Einbahnstraßen-System des Viertels Achten. So sieht Unendlichkeit im Alltag aus. Fahrzeuge parken an jeder Straßen-Einmündung, natürlich auch illegal. Viele Einfahrten werden zumindest von einer halben Autolänge abgeschirmt. Wirklich jeder freie Platz wird, jenseits der Straßenverkehrsordnung, mit Auto aufgefüllt. Das erinnert etwas an das Videospiel Tetris. Nur leider verschwindet hier am Ölberg keine Blech-Reihe, wenn ein Wagen in die letzte Lücke einfährt.

So eine letzte Lücke hat sich Kerstin Daussend gesichert. Sie ist erleichtert, dass sie ihr Auto in eine echte Parktasche stellen konnte. Keine Selbstverständlichkeit. „Normalerweise fährt man hier vier Mal alle Seitenstraßen ab und stellt sich dann irgendwo ins Halteverbot“, sagt die 56-Jährige. Vor Corona sei die Lage mit den Parkplätzen auf dem Ölberg schon angespannt gewesen, jetzt sei es ganz schlimm. Sie muss morgens früh zum Schichtdienst und beginnt den Tag nicht selten mit einem 15-minütigen Spaziergang durch die Dunkelheit, bis sie an ihrem Auto angekommen ist. „Wenn ich Einkäufe dabei habe, halte ich eben vor der Tür und lade alles im Treppenhaus ab“, sagt sie.

Keine Seltenheit: Ein Stellplatz
am anderen Ende des Viertels

An der St.-Anna-Schule sieht es so aus, als sei noch eine abendliche Konferenz des Kollegiums einberufen worden. In Wirklichkeit sind jedoch alle Lehrerplätze belegt, weil sie für die Anwohner eben noch ein paar zusätzliche Stellflächen bedeuten. Ein paar Straßen weiter hat sich schräg auf der Straßenecke ein geräumiges Familienmobil mit Warnblinkanlage positioniert. Vera Aldejohann holt ein Baby aus dem Auto: „Das ist nur zum Ausladen“, verrät sie. „Wir haben einen Stellplatz, der ist aber 15 Minuten entfernt“, sagt die 35-Jährige. Aber so wie ihr Wagen da jetzt steht, würden in den späten Abendstunden auch oft Autos dauerhaft parken. Nicht selten versiegeln so Anwohner die engen Straßen für größere Fahrzeuge. Nach dem Motto: nachts kommen ja keine Politessen. Nur, dass die Feuerwehr irgendwann auch nicht mehr kommt, wird offensichtlich vergessen. „Wir sehen das von unserem Fenster aus. Die Leute parken so, dass hier kein Feuerwehrfahrzeug mehr durchpasst“, sagt Aldejohann.

Fabian Schulte schlendert über die Fahrbahn der Sattlerstraße. Wer hier über den Bordstein geht, der kann seine Ellbogen nicht ausfahren, ohne einen Seitenspiegel zu rammen. Schulte sagt: „Ja, wenn hier die Mülltonnen rausgestellt werden, gibt es kein Durchkommen mehr.“ Kinderwagen? Können nur noch über die Fahrbahn geschoben werden.

Eigentlich sieht Schulte die Situation locker. Natürlich suche man hier sehr lange und er überlege es sich abends schon zwei Mal, ob er den Wagen wirklich noch einmal bewegt. „Aber das ist eben der Preis, den man zahlt, wenn man hier wohnt“, sagt der 57-Jährige. Blöd sei nur, dass es zurzeit auf dem Ölberg kaum noch Dinge des täglichen Bedarfs zu kaufen gebe. Bedeutet: Wer nicht mehr fit genug für einen Treppen-Marathon mit Einkaufstüten ist, nimmt wahrscheinlich das Auto. Oder ist auf einen mobilen Helfer angewiesen.

Zu den durchs Viertel kreisenden Fahrzeugen gehört auch der eines Pflegedienstes. Die Mitarbeiterin muss immer wieder notdürftig auf Straßenecken und vor Einfahrten halten. Die Zeit um einen offiziellen Parkplatz zu suchen, hat sie nicht.

Es ist 19.30 Uhr. Plötzlich leuchten zwei Rücklichter auf. Ein Auto löst sich aus der Blechlawine. Eine klaffende Lücke bleibt zurück. Da wird heute Abend noch ein Mensch richtig glücklich gemacht.