Pädagogin schildert Erlebnisse mit Kindern aus schwierigen Verhältnissen.

Bildung : Leistungen, die Pisa nicht misst

Lieselotte Winnacker-Spitzl schildert Erfahrungen an einer Grundschule, die ihr deutlich machten, dass einige Kinder eine andere Förderungen brauchen.

Wuppertaler Grundschule, erstes Schuljahr. Es ist Winter, es schneit und es ist kalt. Der Unterricht hat vor 20 Minuten angefangen. Da kommt Mike herein, klein, zart und durchgefroren, sechs Jahre alt. Ein dünnes T-Shirt und eine dünne Jacke hat er an. Er kommt zu mir und begrüßt mich.

„Mike, da bist du ja, ich hab dich schon vermisst. Gut, dass du da bist. Aber du musst dich bei der Kälte unbedingt wärmer anziehen. Warum hast du dich nicht wärmer angezogen?“ „Ich hab nichts anderes gefunden!“ „Die Mama auch nicht?“„Die lag noch im Bett!“ „Hast du denn was gegessen?“ „Ja, ich hab mir `n Fischstäbchen auf die Heizung gelegt!“ Mit der größten Selbstverständlichkeit erzählt er mir das.

Das Erlebnis ist lange her. Ich habe es immer noch lebendig in Erinnerung. Welche Kraft steckt in dem Kind und zu welchen Leistungen ist es fähig! Was hat ihn getrieben, in die Schule zu kommen? Ich bin voller Hochachtung vor der Stärke dieses Kindes.

Wie schnell werden Schüler be- oder verurteilt nach Pünktlichkeit, Schulaufgaben, Mitarbeit oder Leistungsverweigerung. Die Fragwürdigkeit der Leistungsmessung, der Beurteilung von Schülern in Zensuren wird mir an diesem Beispiel sehr bewusst. Ist dieses Vorgehen nicht sehr anmaßend und wissenschaftlich überhaupt haltbar? Von Gerechtigkeit und Chancengleichheit ganz zu schweigen.

Auf der Hauptschule
beginnen die Probleme

Unter welchen Bedingungen müssen die schulischen Forderungen erfüllt werden? Und was muss verändert werden, damit die Begabungen und Fähigkeiten des Kindes – der gesetzlichen Forderung entsprechend – voll entfaltet werden können?

Die Geschichte vom „Fischstäbchen“ geht weiter. Im dritten Schuljahr hatten wir das Märchen vom Rumpelstilzchen für die Eltern eingeübt. Mike ist das Rumpelstilzchen. Heute ist die Aufführung. In letzter Minute kommt er mit hochrotem Kopf ganz erschöpft die Treppe hoch. „Was ist los mit dir?“ „Die Mama wollte mich nicht gehen lassen, weil ich so hohes Fieber habe. Aber ich kann Sie doch nicht im Stich lassen! Da bin ich einfach abgehauen.“ Vor Schwäche und Erschöpfung schläft er während der Vorführung im Haus vom Rumpelstilzchen ein, wird von den anderen „Schauspielern“ geweckt und hält trotz Fieber durch bis zum Ende.

Wer oder was hat das immense Verantwortungsgefühl in ihm geweckt? Die dahinter stehende Leistung muss als beispielhaft hervorgehoben werden, verdient ein Höchstmaß an Wertschätzung.

Die Grundschulzeit verläuft – obwohl Mike erleben muss, dass er und seine Geschwister aus der Familie in ein Heim kommen – problemlos. Auf der Hauptschule fangen Probleme an, die dann zur Überweisung in die Sonderschule für Erziehungshilfe führen. Später verschwindet er in einer pädagogischen Maßnahme in Spanien.

Warum, warum, warum muss dieser Junge in eine Sonderschule? Was ist da schief gelaufen? Hat er nicht trotz seiner widrigen Lebensumstände Lernbereitschaft, Verantwortungsgefühl, Einsatzbereitschaft und beispielhaftes soziales Verhalten zur Genüge bewiesen? Hat er die ihm zustehende Wertschätzung dafür erfahren? Gerade diese beflügelt benachteiligte Kinder. Dies ist nicht nur ein großer persönlicher Gewinn für sie, sondern ein sehr großer und unverzichtbarer Gewinn für die Gesellschaft. Welche Überlebensstrategien, welche Stärken haben diese Kinder entwickelt und wie abschätzig werden sie von ihrer Umwelt oft behandelt! Es muss Schule und Gesellschaft besser gelingen, ihnen die Hilfe zukommen zu lassen, die nötig ist, ihre außerordentlichen Fähigkeiten zu erhalten.

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