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Ottenbruch: Das Ende einer Ära

Ottenbruch: Das Ende einer Ära

Nach 26 Jahren hört Wirtin Jette Müller im Bahnhof auf. Der neue Eigentümer will das Denkmal restaurieren — und einen neuen Pächter suchen.

Wuppertal. Als sie anfing, fuhren sogar noch Züge auf der Rheinischen Strecke. Doch nach 26 Jahren als Wirtin im Ottenbrucher Bahnhof zapft Jette Müller Ende Dezember zum letzten Mal ein Bier. „Wie sagt man so schön: Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Aber ich bin auch froh, wenn es vorbei ist“, erklärt die 68-Jährige. Der Bahnhof war lange ihr Zuhause, schließlich befand sich dort auch ihre Wohnung. Als letzte Mieterin zog sie allerdings vor kurzem aus.

Mit dem Verkauf des Denkmals habe ihr Entschluss nichts zu tun. Der neue Eigentümer habe ihr freigestellt, noch so lange weiterzumachen, wie sie will. Aber Müller will nicht mehr. Nach 48 Jahren in der Gastroszene — unter anderem betrieb sie den Jazz-Club in der Adersstraße — „muss auch mal Schluss sein“. Es sei einfach viel Arbeit gewesen.

Als sie den Bahnhof Anfang der 1990er Jahre übernommen hatte, gab es noch einen besonderen Passus im Pachtvertrag. „Verkaufen durfte ich nur an Reisende. Zumindest stand das so da drin“, erinnert sich Müller schmunzelnd. Gastronomie habe es immer schon dort gegeben. Bei nur noch zwei Zügen am Tag war das aber keine gute Geschäftsgrundlage, zumal die wenigen Passagiere — wenn es denn überhaupt welche gab — „oft ausstiegen und direkt nach Hause gingen“. Schließlich stammte der Vertrag aus Zeiten, als noch reger Betrieb auf der Strecke herrschte. Der Vermieter habe ihr dann auch gesagt, „ich solle das nicht so ernst nehmen“. Natürlich dürfe sie andere Kunden bedienen.

Ihr Vermieter, das war immer die Bahn, zuletzt eine Bahntochter, die sich aber schon seit Jahren von ihrem Besitz trennen wollte. „Die haben auch immer nur das Nötigste gemacht“, sagt Müller und zeigt beim Rundgang, dass das mehr als 130 Jahre alte Gebäude schon bessere Tage gesehen hat. Eine Restaurierung ist dringend notwendig.

Die Atmosphäre des Bahnhofs kam aber an, vor allem bei den Stammkunden. „Von denen habe ich immer gelebt“, sagt Müller. Und die kamen vor allem, weil das Lokal unter Musikfans einen sehr guten Ruf genießt. Mehrere Hundert Besucher kamen früher zu den Veranstaltungen, die teilweise auf der stillgelegten Bahnstrecke stattfanden.

Musikalische Könner waren am Werk. Auch Blues-Gittarist Henrik Freischlader habe zum Beispiel im Bahnhof angefangen. Schnell sei klar gewesen, „der wird richtig gut“, sagt Müller. Und Freischlader sei immer gern gekommen, habe einfach angerufen, so die Pächterin, und gefragt, ob er ein Konzert geben kann.

Auch Ausstellungen hätten immer eine große Rolle gespielt. Der Wuppertaler Künstler Kahluwe — bekannt für seine Bilder der Rolling Stones — wird jetzt der Letzte sein, der seine Werke zeigt. Ein Großformatiges hängt schon in einem der Säle an der Wand.

Viel von Wuppertals Wandel lässt sich am Ottenbrucher Bahnhof festmachen. Statt Eisenbahnen fahren seit ein paar Jahren Radler und Mountainbiker am Denkmal vorbei, spazieren Wuppertaler über die Nordbahntrasse.

„Ein ganz anderes Publikum“, sagt Müller. Sie habe versucht, sich darauf einzustellen. Auf der Speisekarte stehen zum Beispiel Trassen- Snacks. Kleine, schnelle Gerichte für zwischendurch.

Die Gäste hätten ja oft kaum Zeit, „Freizeitstress“, wie die Wirtin es lächelnd nennt. Vor allem an den Sonntagen sei es oft richtig voll und arbeitsreich für sie und ihr Team gewesen.

Kritik, dass Müller an anderen Tagen zu unflexibel gewesen sei, was die Öffnungszeiten anging, immer erst ab 18 Uhr aufmachte, kontert die 68-Jährige. „Ich habe es ja probiert. Aber wenn Sie auch noch Mitarbeiter bezahlen müssen, lohnte sich das einfach nicht.“ Viele Trassennutzer hätten zudem gar nicht wirklich einkehren wollen — sondern nur die Toilette besucht.