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Oper in Wuppertal: Dieser Oedipus Rex weiß genau, was er getan hat

Oper : Dieser Oedipus Rex weiß genau, was er getan hat

Das erfolgreiche Team um den russischen Regisseur Timofey Kulyabin inszeniert einen spannenden Opernabend mit zwei Werken von Igor Strawinsky.

Dieser Opernabend ist ein Thriller, ein Experiment und eine Herausforderung. Dahinter steckt das erfolgreiche Team um den jungen russischen Regisseur Timofey Kulyabin, das in der Spielzeit 2016/17 mit seiner Rigoletto-Inszenierung in Wuppertal sein Debüt im westlichen Ausland gab, dem ein Siegeszug über die Bühnen aller Kontinente mit Jubel und Auszeichnungen folgte. Nun nimmt es sich auf eigenen Wunsch Igor Strawinskys Stücke „Les Noces“ und „Oedipus Rex“ vor, drückt ihnen bei aller Werktreue seinen Stempel auf. Am 15. September feiert die Inszenierung in der Oper in Barmen Premiere und eröffnet zugleich die Spielzeit der Wuppertaler Bühnen.

Antiken Klassiker in modernes Gewand gekleidet

Verdis Rigoletto war populäres Repertoire, mit Strawinskys Stücken nimmt sich der 34-jährige Regiestar Kulyabin zwar ein antikes Thema vor (das Libretto von Strawinsky und Jean Cocteau basiert auf der Tragödie „Oedipus tyrannos“ von Sophokles), kleidet es aber in ein modernes Gewand, „weil ihn diese klassisch-moderne Kombination reizt“, erklärt Dramaturg Ilya Kukharenko. Und er macht aus zwei Stücken eines, indem er sie wie zwei, nur durch eine Pause getrennte, Akte nacheinander aufführt. Auf „Les Noces“ folgt „Oedipus Rex“, auch wenn das nur mit dem Mut zum Zeitsprung möglich ist, an den sich auch die Protagonisten erstmal gewöhnen mussten, erinnert David Greiner, Dramaturg der Oper.

Das Bühnenbild arbeitet mit mehreren Ebenen. Da gibt es die Hochzeitsgesellschaft, eine in der Diaspora lebende, ethnisch zusammengehörende Gruppe, die an langen, festlich eingedeckten Tafeln feiert. Dabei eine Mischung verschiedener Riten zelebriert, die bewusst eine Zuordnung zu einer bestimmten nationalen Gruppe verhindert. Hinter ihr türmt sich eine Wand, die die Bühne nach hinten abschließt. Der Zuschauer entdeckt in einigen Metern Höhe zwei kleine, quadratische, nach vorne geöffnete Räume: ein kitschig verziertes Schlafzimmer links und ein karges Vernehmungszimmer rechts.

Hier versucht ein Detektiv den Mord an König Laios aufzuklären. Kulyabin erzählt die antike Geschichte von Oedipus, den seine Eltern als Kind opfern wollten, der seinen Vater, König Laios tötet und als Retter der von der Pest bedrohten Stadt Theben seine Mutter Iokaste heiratet, als Rachefeldzug mit dramatischem Ende und Kriminalfall, den es zu lösen gilt. Sein Oedipus weiß um seine Schuld, sein Königssohn handelt bewusst, folgt einem Plan, ist nicht nur schicksalshaft verstrickt. Kulyabin reizen an dem antiken Epos die tiefenpsychologischen Motivationen und Hintergründe der Menschen, des Täters wie der einzelnen Mitglieder der Gesellschaft. Der Ermittler übernimmt bei seinen Vernehmungen praktischerweise die von Strawinsky vorgesehene Funktion des Erzählers, darf Deutsch sprechen, während die lateinischen (bzw. französischen) Liedtexte sich über eingeblendete Textbänder über der Bühne erschließen.

Rachefeldzug und eine schicksalshafte Verstrickung

Auch die Musiksprache der beiden Stücke ist unterschiedlich. Während die Tanzkantate „Les Noces“ zwischen 1914 und 1917 entstand und das Ende von Strawinskys russischer Periode markiert, steht das Opern-Oratorium „Oedipus Rex“, das er 1927 schrieb, am Anfang seiner neoklassischen Phase. Kukharenko: „Die Musik bei ‚Les Noces’ ist komplizierter, groovy, mächtig. Wir brauchen dafür vier Flügel und Schlagzeug. Bei Oedipus plante Strawinsky ein Orchester ein, wollte bewusst verständlichere Musik.“ Der Wuppertaler Orchestergraben muss also in der Pause mächtig umgebaut werden.

Für die Herren des Chors (Frauen hat Strawinsky nicht vorgesehen), die durch externe Sänger verstärkt werden, stellt die Musik eine besondere Herausforderung dar. Sie müssen das tanzende Ballett bei der Hochzeitsfeier „ersetzen“ und zusammen mit den Sängern agieren. Und sie müssen viele, leicht variierende Liedtext-Wiederholungen meistern. Für die Titelrollen hat die Oper Heldentenor Mirko Roschkowski (Oedipus) und die in Gelsenkirchen engagierte Mezzosopranistin Almuth Herbst (Iokaste) verpflichtet, „weil wir diese Opernfächer nicht am Haus haben“, erklärt Greiner, der betont, dass darüber hinaus fast alle Haussänger, darunter auch die jüngst ausgezeichneten Sangmin Jeon, Ralitsa Ralinova und Iris Marie Sojer, mit dabei sind. Die musikalische Leitung übernimmt der erste Kapellmeister der Bühnen, Johannes Pell, der für die erkrankte Generalmusikdirektorin Julia Jones einspringt.