Musik: Ohrenöffner: Wie sich das Klavier selbst behauptete

Musik : Ohrenöffner: Wie sich das Klavier selbst behauptete

Im Format „Ohrenöffner“ führt das Sinfonieorchester in klassische Musik ein.

Das Klavier zwischen Emanzipation und Eingliederung: So oder ähnlich ließe sich der „Ohrenöffner“ von Januar zusammenfassen, das Format des Sinfonieorchesters zur Einführung in Aspekte klassischer Musik. Es war ein wenig Vorlesung für alle, als Bjørn Woll zusammen mit Gast Lutz-Werner Hesse, Chef der Musikhochschule, die Gattung Klavierkonzert vorstellte. An diesem Samstagmittag sogar etwas von Seminar im Wahlbereich - eines also, zu dem man aus echtem Interesse kommt.

Woll, Moderator der Erfolgsreihe, konnte ein „volles Haus“ begrüßen und ergänzte sofort: „Auf die Wuppertaler ist Verlass.“ Denn der Saal war übervoll, auch die Empore gut besetzt, und die Treppen wurden willkommener Notsitz. Hörsaalatmosphäre eben - und das, obwohl die musikalischen Beispiele „nur“ vom Band kamen.

Dass das heute so etablierte Tasteninstrument sich durchaus bewähren musste, war dann eine Erkenntnis, die sich durch die mittägliche Stunde zog. Von Bach bis Robert Schumann durchlief das Klavier demnach einen Prozess der Selbstbehauptung - und war am Ende doch wieder Begleiter. Barockmeister Bach, war von Hesse zu hören, erhob zunächst das verwandte Cembalo zum zentralen Soloinstrument: „In den Köpfen war es bis dahin als Generalbass-Instrument.“ Zu hören hieß dann gleich auch, dass in der Kirche als Klangbeispiel eine umgearbeitete Kantatensinfonie erklang.

Als es an Mozart ging, wurde klar, wie sich die Hierarchien verschoben. Nachdem von seinen späten Klavierkonzerten Nummer 488 im Köchelverzeichnis angespielt wurde, kommentierte Hesse das plastisch: „Das Vorspiel ist grandios gestaltet, und das Orchester rollt dem Klavier den roten Teppich aus.“ Bis zu Beethoven war es dann nicht mehr so weit, in dessen viertem Klavierkonzert die Rollen offenbar klar verteilt waren: „Das Klavier setzt die Atmosphäre, die das Orchester dann aufgreift. Es gibt eine ganz klare, leise Botschaft vor.“ Klar, obwohl leise also: Hesse erwies sich als Fachmann der Art, die gewählt wie auch greifbar zu vermitteln versteht.

Ein Aspekt dieser Form von musikalischem Kurzkurs war, dass beide Akteure außer Kennern auch Praktiker sind. Hesse ist auch Komponist, er hat ein Violin- und ein Hornkonzert geschrieben. Letzteres, erfuhren die Zuhörer, besteht aus zwei statt drei Sätzen; Erwähnung fand das heute als Beispiel dafür, sich von hergebrachten Mustern zu lösen, damit das Konzert als Gattung reizvoll bleibt. Und auch Bjørn Woll saß als so erfahrener wie kundiger Moderator auf dem Podium: 2013 als Chef des Fachblatts „Fono Forum“ für die Reihe gewonnen, ist er selbst Sänger und Flötist. So konnte von ihm auch einmal ein eher reserviertes Urteil über bestimmte Flötenpassagen bei Mozart kommen: „Das ist dann nicht immer der gleiche Qualitätsanspruch.“

Die „Ohrenöffner“ sind Teil des sogenannten Education-Programms. Pädagogische Angebote also, die sich demnach bei den Sinfonikern nicht etwa ausschließlich an Kinder richten. Wie heute, wo der Publikumsmagnet für Erwachsene so manchen Lerneffekt und Aha-Moment zu bieten wusste. Das freie Gespräch war ja gewissermaßen auch ein didaktisches Format, freilich ganz ohne Druck und zu viel Anspruch. All das mit viel Gelegenheit, beim Zuhören aktiv dabei zu sein: Die Hörbeispiele dienten nicht nur der Illustration; wer ihnen aufmerksam lauschte, mochte schon eigene Eindrücke sammeln und dann abwarten, inwieweit sie sich mit den Ausführungen deckten. Wer von der Beethoven-Passage für sich einen Gegensatz von Wucht und Zartheit wahrnahm, hörte als Bestätigung dann sogar einmal noch deutlicher: „Das schwermütige, melancholische Klavier - und das Orchester fährt ihm übers Maul.“

Die Virtuosität des Klaviersolisten kam immer wieder zum Tragen

Bis zur besagten Relativierung als Begleitinstrument kam dann immer wieder die Virtuosität des Klaviersolisten zum Tragen. Stand der Pianist zunehmend im Mittelpunkt, schien in Hesses Darstellung Robert Schumann dieser Rolle eher abgeneigt - jedenfalls zitierte er ihn so: „Ich kann kein Konzert für den Virtuosen schreiben.“ Ein Hin und Her der Rollen und Positionen fürs Klavier war also ein Ertrag des Tages - heiter vermittelt und hübsch illustriert. Und ganz grundsätzlich gab es eine wichtige Auskunft zum Wort „Konzert“ überhaupt: Wie Hesse erinnerte, heißt es wörtlich „in einen Wettstreit treten“ - freilich zivil und heute zudem schön anzuhören.

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