Ohne die Wuppertaler Tafel kämen viele Menschen nicht zurecht

Ohne die Wuppertaler Tafel kämen viele Menschen nicht zurecht

Ohne die Wuppertaler Tafel kämen viele Menschen nicht zurecht. Ein Besuch bei der Essensausgabe.

Wuppertal. Wenn der weiße Lieferwagen auf die Wupperbrücke zwischen Berliner Platz und Bahnhof Oberbarmen einbiegt, formiert sich sofort eine Schlange. Trippelnd, einige Kunststoffdosen festhaltend, folgen die Wartenden dem Sozialmobil der Tafel auf den letzten Metern, bis es stehen bleibt und sich die hinteren Türen öffnen.

Der helle Innenraum des Wagens leuchtet an dem nasskalten Winterabend. Drinnen stehen Kisten mit Metalldeckeln, dahinter an diesem Tag ein besonderer Helfer: Oberbürgermeister Andreas Mucke hilft, die mitgebrachten Kunststoffdosen oder weiße Plastikteller mit Gemüsesuppe oder Currywurst samt Soße zu füllen. Mit diesem Dienst übernimmt er offiziell die Schirmherrschaft für die Tafel. Die meisten Gäste erkennen ihn aber gar nicht.

Ein bisschen Gemurre gibt es, als sie erfahren, dass es Brot und Teilchen heute nur an der Seitentür gibt. Wer nichts Warmes will, hat einige Minuten in der falschen Schlange gestanden. Als ein junger Mann mault, ärgert sich eine Frau: „Was meckert der? Soll er doch froh sein, dass er überhaupt was bekommt!“ Es gibt zustimmendes Gemurmel. Die meisten warten geduldig, bis sie dran sind.

Zum Beispiel Daniela Turchetto (41), wache Augen, blondiertes Strubbelhaar, mit ihrem Hund Pünktchen, der ziemlich groß und kräftig für ein Pünktchen ist. „Dann stellen wir uns eben noch mal an“, sagt sie gut gelaunt, schickt einen Mann nach hinten, der sich von der Seite dazustellt: „Ich glaube, du hast dich gerade vorgedrängt.“ Sie kommt öfter zum Sozialmobil am Berliner Platz, nimmt Brot und Kuchen mit für sich und ihren Freund. „Ich habe zwar einen Job in der Gastronomie, aber da ist im Moment nicht so viel los“, erklärt sie. „Da muss man sich schon mal helfen lassen.“

Am Brückengeländer hat sich ein älterer Herr (88) mit Fellmütze im leichten Regen eingerichtet. Er sitzt auf seinem mit Beuteln behängten Rollator, löffelt Wurst aus dem Plastikteller, den er ab und zu auf dem Geländer abstellt. „Die Suppe verpasse ich nicht, wenn ich hier bin. Die esse ich immer“, erklärt er.

Der Essener kommt regelmäßig nach Wuppertal — auch um sich bei der Tafel mit Kleidern einzudecken: „Hier gibt es die schönsten Hosen — für zwei Euro!“, schwärmt er. Dank eines Schwerbehindertenausweises kann er kostenlos den Zug nutzen.

Menschen begrüßen sich: „Wie geht’s?“ Die Antwort: „Muss!“ Auch fremde Sprachen sind zu hören. „Suppa“ lässt sich dabei herausfiltern. Zwischen den Reihen laufen Kinder herum. „Total lecker!“, sagt Tina (8), strahlt mit großen dunklen Augen und zeigt ihren Teller mit Currywurst.

„Bitte nur eine halbe Kelle“, sagt eine junge Frau an der Suppenausgabe. Als Andreas Mucke ihr den Teller reicht, sagt sie überschwänglich „Dankeschön!“ Das würde Melanie Schoeneweiß (37) freuen, die an der Station Wichlinghauser Markt bereitwillig Auskunft gab. Und sich ärgerte, dass manche „nicht einmal Danke sagen“. Sie sei der Tafel und den ehrenamtlichen Mitarbeitern sehr dankbar: „Es ist gigantisch, was die opfern.“

Schick sieht sie aus in ihrem taillierten Mantel und mit dem kecken Hut auf den Locken. „Ich habe zwar einen Teilzeitjob, aber mein Mann ist arbeitslos“, erklärt sie. Seit Jahren holt sie Brot, Kuchen und mal Eintopf bei der Tafel: „Ich bin so froh, dass es die Tafel gibt.“ Nüchterner drückt es ein grauhaariger 52-Jähriger aus, der auf der Bank seine Currywurst isst: „Ist schon gut, dass es sowas gibt.“ Früher habe er oft eine Woche vor dem Ersten kein Geld mehr gehabt. Er lebt von einer kleinen Rente, ist schwerbehindert — „hab’ zu viel in die Pulle geguckt.“

Andreas Mucke teilt die Meinung der Besucher: „Es ist gut, dass es die Tafel gibt.“ Dabei sieht er jedoch ein großes ,Aber’: „Es ist eine Schande, dass es sie geben muss.“

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