Offen gesagt von Lothar Leuschen Wuppertal

offen gesagt: Liebes Christkind...

Auf dem Flur des Rathauses ist ein anonymes Schreiben gefunden worden, in dem ein offenbar gebeutelter Wuppertaler dem Christkind seine Wünsche für das bevorstehende Fest kundtun wollte. Das Dokument liegt der Redaktion im Original vor.

Da der Brief offenbar nicht angekommen ist, zitiert die Westdeutsche Zeitung ihn an dieser Stelle vollständig:

„Liebes Christkind,

bitte schenke den Schwebebahn-Ingenieuren einen Fischertechnik-Kasten. Vielleicht lernen sie dann, wie sie die Schwebebahn so konstruieren müssen, dass sie wie früher wieder störungsfrei fährt.

Und mache, dass der abgewählte Dezernent Panagiotis P. endlich wieder einen ordentlichen Arbeitsplatz findet, damit der arme Kerl nicht noch fünf Jahre auf Kosten aller Wuppertaler Steuerzahler leben muss.

Der WSV hat immer noch keinen reichen Scheich. Kannst Du ihm bitte wenigstens einen reichen Russen schicken? Er muss auch nicht sympathisch sein. Die Uerdinger haben doch auch einen.

Für den Verwaltungsvorstand im Rathaus wünsche ich mir einen therapeutischen Bildhauerkurs bei Bachblütentee. Da können die Herren Mucke, Slawig, Kühn, Nocke und Meyer lernen, dass Zusammenarbeit besser ist. Die gemeinsam erschaffene Skulptur in Form eines abstrakten Fahrradständers stellen wir dann auf, wo das Radhaus hin sollte. Und weil er so dafür so gekämpft hat, darf nur Frank Meyer sein Bonanza-Rad an die Skulptur anketten.

Und, liebes Christkind, Adolphe Binder und Johannes Slawig schenke bitte ein gemeinsames Kinowochenende mit Ingmar Bergmans Film „Szenen eine Ehe“ in einer Endlosschleife. Danach wissen sie bestimmt, dass es viel besser ist, sich mit Vernunft und Format zu trennen.

Für die Konzernchefs der Bayer AG wünsche ich mir goldene Klappspaten. Wenn sie schon Stellen in Wuppertal abbauen, sollen sie wenigstens die Altlasten ausbuddeln und mitnehmen, die unter dem Rasen des Zoostadtions schlummern. Dann bekäme der WSV vielleicht endlich eine Rasenheizung, vorausgesetzt natürlich, Du schenkst ihm einen reichen Russen.

Für Uwe Clees wünsche ich mir ein paar Bauklötze. Damit kann er sich auf seinem Schreibtisch ein Outlet-Center basteln und die Bundesbahndirektion endlich Leuten überlassen, die mit dem schönen Gebäude etwas Vernünftiges anfangen können.

Und vielleicht hast Du ja auch noch ein Buch für Jörg Heynkes, irgendwas mit digital, Robotern, fliegenden Autos und „alle außer mir sind doof“. Das liest er bestimmt gern und kann für ein paar Tage mal sein Facebook aus der Hand legen.

Ach ja, und es wäre schön, wenn Du Elberfeld mal einen Weihnachtsmarkt schenken könntest, der diesen Namen auch verdient. Die paar Buden und die Wassertanks hinter Gittern sind wirklich deprimierend.

Für mich persönlich habe ich eigentlich keine Wünsche. Mir reicht es schon, wenn die Schwebebahn fährt, der WSV aufsteigt, die Stadtverwaltung funktioniert, wichtige Stellen auch mal mit den richtigen Leuten besetzt werden und aus der Bundesbahndirektion irgendetwas Schönes gemacht wird.

Aber wenn Du mir unbedingt was bringen willst, dann hätte ich gern die sechste Deutsche Meisterschaft für meinen Lieblingsfußballverein. Die letzte ist ja nun auch schon 41 Jahre alt.

Vielen Dank, liebes Christkind, Dein....“

Unterzeichnet ist der Brief nicht. Womöglich wurde der Autor oder die Autorin überrascht und hat sich des Beweisstückes hastig entledigt. Oberbürgermeister Andreas Mucke will nun einen Untersuchungsausschuss einsetzen. Das Christkind war von der Redaktion nicht zu erreichen. Es ist in diesen Tagen schwer beschäftigt.

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