Odysseus zwischen wilden Pflanzen

Odysseus zwischen wilden Pflanzen

Das Schauspiel beweist mit der erneuten Aufführung im Botanischen Garten, dass ein ausgefallener Spielort dem Solostück zu noch mehr Tiefe verhilft. Miko Greza überzeugt einmal mehr als antiker Held.

Miko Greza ist auch 2018 wieder als zerrissener, von seiner Irrfahrt gezeichneter Odysseus im Glashaus des Botanischen Gartens zu erleben. Die Wiederaufnahme des Solostücks unter der Regie und nach eigener Fassung von Torsten Krug stellte erneut eindrucksvoll unter Beweis, wie gut sich das Einmannstück rund um die Figur des griechischen Helden in die Kulisse des Glashauses fügt. Grezas vielschichtiges Spiel und die Räume befruchten sich gegenseitig, lassen diese ganz besondere Odyssee zu einem lohnenswerten Theatererlebnis werden.

Für alle, die das überaus reizvolle Aufeinandertreffen der Kulisse des Gewächshauses des Botanischen Gartens auf den von seinem Schicksal erzählenden Odysseus in der vergangenen Saison verpasst haben sollten, gibt es nun erneut die Gelegenheit, sich in die innere Welt des antiken Helden entrücken zu lassen. Eine Welt, die vielmehr den Fokus auf die emotionalen Brüche legt — wer mag an Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden, wenn nicht Odysseus? — und das Publikum zwar mehr und mehr in die wichtigsten Stationen der Geschichte hineinziehend, dennoch vielmehr ein Porträt eines ambivalenten Helden zeichnet. Greza spielt einen starken Mann, der aber seine überbordenden Emotionen und unkontrollierbar scheinenden Affekte nur bedingt hinter einer abgebrüht coolen Fassade verbergen kann. Immer wieder bricht die Verzweiflung über das Erlebte durch, immer wieder überrascht Greza mit Ausbrüchen, mit Momenten mentaler Entgleisung.

Zwischen den Pflanzen, in denen sich Greza frei bewegt und das Publikum mit sich ziehend, immer neue Stationen für seine Erzählung sucht, entstehen tief beeindruckende Bilder. Sowohl ästhetisch, als auch emotional.

Wohl dosierte Klangeffekte — wie etwa Meeresrauschen — verleihen dem Glashaus eine mystisch unwirkliche Grundstimmung. Dieses freie aber wohl durchdachte Spiel mit der Kulisse erfährt einen Höhepunkt, wenn Greza das Glashaus verlässt, um Odysseus im Hades — der Unterwelt — hinter dem Glas effektvoll beleuchtet, von außen, wie aus einer anderen Dimension erscheinen zu lassen.

Trotz aller Introspektive, gelingt es, die Geschichte Odysseus in gut einer Stunde mit allen zentralen Wendepunkten zu erzählen, was das Stück, frei nach Homer, auch für die in altgriechischer Epik weniger bewanderten, leicht verständlich macht. Torsten Krug lässt sein Werk eben nicht in undurchsichtigem Kaprizieren auf die reine Metaebene einer kriegsgeschädigten Figur ersticken, er öffnet Perspektiven auf allen Ebenen. Je nach Blickpunkt des Rezipienten erschließen sich somit stets unterschiedliche Aspekte der Figur und seiner Geschichte. Jene wird durch Greza lebendig und mitreißend, mit zügigen Perspektivwechseln erzählt.

Ein überaus gelungenes Beispiel dafür, Theater an ungewöhnlichen Spielorten mit den Gegebenheiten der Umgebung in Dialog treten zu lassen. Doch wird hier das Verlassen der tradierten Spielstätte nicht zum Selbstzweck, vielmehr erscheint die Wahl des Ortes als Notwendigkeit, als mehr als schlüssige Konsequenz aus den Anforderungen des Stückes, das auch davon lebt, dass Greza sich seinen Weg durch das frei verteilte Publikum bahnt, oder auch mal, wenn es sich anbietet, die Interaktion mit ihm sucht. Dafür gab es natürlich — zu Recht — langanhaltenden Applaus.