Neviandtstraße: Als der Heimleiter noch ein Schwein hatte

Wuppertaler Stadtjubiläum : Als der Heimleiter noch ein Schwein hatte

Die Entwicklung der Pflege spiegelt sich in der Geschichte des Altenheims an der Neviandtstraße wider.

Im Elberfeld des Jahres 1843 entdeckte die Gemeinde ihr soziales Gewissen. Erstmals kümmerte sich die öffentliche Hand um die Armen. Zu dieser Zeit hieß arm sein, sich nicht einmal Fleisch, Schuhe für die Kinder oder eine beheizte Dachstube leisten zu können. Die Alternative zum Leben in einem Stall bot das allgemeine Armenhaus, ergänzt durch das Waisenhaus und die sogenannten geschlossenen Armenpflege-Anstalten. Um die Jahrhundertwende liefen die Einrichtungen über und zur Entlastung wurde der Bau des städtischen „Alterspflegeheims Kaiser-Wilhelm- und Kaiserin-Auguste-Viktoria-Pflegeanstalten“ beschlossen – das heutige Alten- und Pflegeheim an der Neviandtstraße.

Die Einrichtung war bei ihrer Eröffnung 1910 eigentlich für alleinstehende alte Menschen geplant, so wie in der Jubiläumsausgabe des Heims nachzulesen ist. Das Haus hatte weitläufige Tagesräume, einen Garten mit eigener Tierzucht und großzügig gestaltete Zimmer. Der Heimleiter hatte ein eigenes Schwein. Allerdings gab es für eine Station nur eine Schwester zur Pflege und keine Krankenzimmer.

Nach dem Krieg änderte sich alles in der Einrichtung, die am 25. Juni 1943 auch von Brandbomben getroffen wurde. Viele Wuppertaler waren vor den Luftangriffen geflohen und fanden nach ihrer Rückkehr zerstörte Wohnungen vor. Gerade die älteren Menschen waren entkräftet, obdachlos und verzweifelt. Sie standen vor den Toren der Altersheime und bettelten um Aufnahme. Die Zahl der Anmeldungen stieg insgesamt auf mehr als 1000 Personen, dabei waren auf dem Papier nur 272 Plätze verfügbar. Zu allem Überfluss waren bei den Luftangriffen auch noch vier Heime der Stadt vernichtet worden; das Neviandtstift (welches heute noch mit dem Pflegeheim verwechselt wird), die Altersheime an der Blutfinke und das Versorgungshaus am Neuenteich.

Tagesräume und Personalzimmer wurden umfunktioniert

Plötzlich musste jeglicher verfügbarer Platz für pflegebedürftige Menschen in Anspruch genommen werden. Selbst Tagesräume und ein Teil der Personalzimmer wurden umfunktioniert. Die Belegungszahl an der Neviandtstraße stieg sprunghaft von 160 auf 268 Personen an. Auch außerhalb des Heims improvisierten die Menschen und brachten Pflegebedürftige in Lagerräumen und Kneipen unter. Das Klubhaus des Jäger- und Schützenvereins Jagdhaus Grenze wurde beispielsweise zum „Altenheim“ für 68 Menschen umfunktioniert.

1960 als das Haus an der Neviandtstraße sein 50-jähriges Jubiläum feierte, hatte sich die Situation normalisiert. Es gab diverse Altenheime in städtischer, kirchlicher und freier Trägerschaft. Trotzdem war der Alltag in den 60er und 70er Jahren nicht mit dem in heutigen Pflegeeinrichtungen vergleichbar. In einer Ausgabe des „Heimechos“ von 1994 berichtete die langjährige Oberschwester Marga Thewes von dieser Zeit: „Früher mussten wir noch selber die Bewohner baden, und das war sehr, sehr schwer. Wir mussten die Leute aus dem Bett heben und dann in die Wanne rein und wieder aus der Wanne raus. Dabei hatten wir 44 Bewohner auf der Station. Ja, und wir Schwestern waren nur zu sechst. Und diese sechs Personen wurden noch auf zwei Schichten verteilt.“

Viele Bewohner lagen die meiste Zeit im Bett, denn es habe kaum Rollstühle gegeben. „Sehr alt“ war damals noch 80. In Ausnahmefällen sei mal jemand in seinen 90ern gewesen, erinnerte sich Thewes. Folglich gab es auch nicht so viele Menschen mit Demenz in der Einrichtung.

Viele Stellen konnten
zunächst nicht besetzt werden

Anfang der 70er Jahre konnten in den Pflegeheimen viele Stellen aus Mangel an Fachkräfte nicht besetzt werden. Daher griff man auf philippinisches Pflegepersonal zurück. Auch an der Neviandtstraße fassten mehrere Mitarbeiter aus dem südostasiatischen Land Fuß. Jossi Tanguaquio schrieb im Jubiläumsjournal des Heims: „Als wir die alten Menschen sahen, waren wir zunächst sehr erstaunt, warum die Kinder nicht die Eltern pflegten.“

Noch Ende der 80er Jahre fanden in den Räumen der Einrichtung 260 Menschen Platz. „In den Neunziger Jahren reduzierte sich durch gesetzliche und bauliche Veränderungen die Bewohnerzahl auf 165“, berichtet der heutige Leiter Winfried Knäpper. Damit bald zumindest 80 Prozent der Bewohner ein Einzelzimmer haben, wird aktuell ein Neubau an der Neviandtstraße geplant.

Erst Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre wurden mit dem sogenannten Pflegeprozess und der Pflegeversicherung verbindliche Standards zur Sicherung der Pflegequalität in allen Einrichtungen eingeführt. „In den 80er Jahren gab es fast keine bewohnerbezogene Dokumentation“, erinnert Knäpper. Heute werde mit jedem Bewohner und deren Angehörigen ein Aufnahmegespräch geführt und daraus abgeleitet eine individuelle Planung für Pflege und Betreuung erstellt.

Mit der Abschaffung des verbindlichen Zivildienstes 2010 tat sich eine neue Herausforderung für die Neviandtstraße und alle anderen Pflege-Einrichtungen im Stadtgebiet auf: Früher entschieden sich regelmäßig junge Leute nach dem „Zivi“ für den Pflegeberuf. Knäpper sagt: „Dieser Eingang in die Pflege fehlt heute und es ist insgesamt sehr schwierig geworden, junge Menschen für den Beruf zu begeistern.“ Gleichzeitig werden die Menschen immer älter. Eine Herausforderung für die Zukunft.

Mehr von Westdeutsche Zeitung