Neues Komitee fragt: Was dürfen, was müssen Ärzte tun?

Neues Komitee fragt: Was dürfen, was müssen Ärzte tun?

Die moderne Heilkunst stellt Ärzte und Angehörige vor heikle Fragen. In der Helios-Klinik hilft ein neues Ethikkomitee bei der Entscheidung.

Wuppertal. Die kleine Runde, die im Aufenthaltsraum der Station zusammengekommen ist, muss heute über Leben oder Tod befinden. Zwei Zimmer weiter liegt Peter Zeise (Name geändert) im Koma, künstlich ernährt und beatmet, aufgedunsen und bleich. Der 62 Jahre alte Mann war daheim, als plötzlich seine Atmung aussetzte. Ein Symptom der schweren Krankheit, unter der er seit Jahren leidet: die Nervenlähmung ALS. Der Notarzt hatte den Patienten an ein Beatmungsgerät geschlossen — und daran hängt sein Leben immer noch.

Wie lange darf oder muss der unheilbar Kranke zwischen den Welten ausharren? Dürfen die Ärzte ihm das Sterben erleichtern, indem sie die Behandlung beenden? Oder müssen sie im Gegenteil versuchen, sein Leben mit neuen Medikamenten, weiteren Maschinen in einer Maxi-maltherapie zu erhalten, solange es geht? Was ist sein Wille?

Auf diese Fragen suchen der verantwortliche Arzt, Pflegepersonal, Juristen, Psychologen und Seelsorger an diesem Vormittag gemeinsam eine Antwort. Ethikkonsil nennt sich die Zusammenkunft in den Helios-Kliniken in Barmen oder in Elberfeld. Sie wird immer dann einberufen, wenn heikle Entscheidungen anstehen über Würde und Willen eines Patienten, Leben und Sterben — und spricht eine Empfehlung aus. „Jeder Patient hat ein Recht auf eine Ethikberatung“, sagt Prof. Dr. med. Johannes Jörg. Der Mediziner leitete als Chefarzt die Abteilung für Neurologie.

Heute hilft Jörg, die ethischen Grenzlinien zu ziehen. Er leitet das klinische Ethikkomitee (KEK) des Hauses; er entwickelt gemeinsam mit dessen Mitgliedern ethische Leitlinien, schult Mitarbeiter und führt die Fallgespräche in Situationen, in denen sich Ärzte und Schwestern überfordert fühlen: „Ich kenne den Alltag der Ärzte und Schwestern und spreche ihre Sprache.“ Koordiniert wird die Arbeit von Seelsorger Pfarrer Rainer Wirtz.

Im Krankenhausalltag gibt es viele solche Dilemmata. Geburtshelfer können Kinder in der 22. Woche lebend zur Welt bringen und Greise können trotz versagenden Herzens, Lunge oder Nieren noch lange leben dank Maschinenhilfe. Fraglich ist, ob die moderne Heilkunst alles darf, was sie kann. Der eigene Standpunkt dazu hat viel damit zu tun, wo man herkommt: mit persönlichen Glaubenssätzen, eigenen Erfahrungen. „Ethik ist Ringen um einen Standpunkt“, sagt Wirtz.

Der Paternalismus im Krankenhaus sei, sagt Jörg, auf dem Rückzug. Immer weniger Ärzte maßen sich an, den Willen eines Patienten oder seines gesetzlichen Vertreters zu ignorieren.

Eine Patientenverfügung hat Patient Peter Zeise nicht hinterlassen. Doch selbst wenn ein schriftlicher Wille vorläge, würde das Papier das Ethikkomitee wahrscheinlich nicht ersetzen. „Patientenverfügungen bedürfen immer der Interpretation. Dafür gibt es Fallbesprechungen“, sagt Jörg. Denn was heißt es, wenn in der Verfügung steht, der Patient möchte „nicht an Schläuchen hängen“? Meinte der Kranke es ernst, als er festgelegt hat, dass er „nicht reanimiert werden möchte“, selbst wenn eine Wiederbelebung ihm die Chance auf ein halbwegs normales Leben gibt?

Das Gremium geht auseinander. Eine Maschine hält Peter Weise weiterhin am leben. Denn das ist der Wunsch des Patienten.

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