Begrabt mein Herz in Wuppertal: „Nackt sein ist eine prima Sache“

Begrabt mein Herz in Wuppertal : „Nackt sein ist eine prima Sache“

Uwe Becker über die Hitze der vergangenen Tage.

„Ich kann gar nicht so viel trinken, wie ich schwitzen könnte!“ Viele Menschen haben sich in den vergangenen Tagen über die unglaubliche, unverschämte Hitze beschwert. Beim Fest zum 90. Geburtstag der Stadt wurden Temperaturen gemessen, die vonseiten der Verwaltung nicht veröffentlicht wurden, da dies die Bevölkerung verunsichert hätte. Die Bundesvorsitzende der Grünen, Annalena Baerbock, hatte gar den Verdacht geäußert, die Zitterattacken von Angela Merkel hätten etwas mit dem Klimawandel zu tun. Da macht die dem Realo-Flügel ihrer Partei zugeordnete Potsdamerin einmal einen Hammer-Witz, muss sich aber nach Protesten umgehend für diese Äußerung entschuldigen. Das wäre mir jetzt nicht passiert, sind wir mal ehrlich: Hängt denn nicht Vieles mit Vielem zusammen?

Nun gut, in dieser Woche sind die Temperaturen wieder im gemäßigten, grünen Bereich, man kann sich zwar noch luftig, locker kleiden, aber man muss nicht mehr fast nackt herumlaufen, so wie es leider einige meiner Mitbürger in den ganz heißen Tagen praktizierten. Ich möchte vorausschicken, ich habe nichts gegen nackte Menschen oder äußerst spärlich bekleidete, aber es gibt Grenzen, die individuell jeder für sich beachten sollte. Ich bin auch gerne nackt, betrachte mich im Spiegel, drehe mich, um mich von allen Seiten anschauen zu können. Ich nehme sogar einen zweiten Spiegel, damit ich auch meinen Rücken und Po sehen kann, ohne mir den Hals zu verdrehen. Aber ich mache das alleine, das geht ja auch keinen was an. Das Nacktsein ist eine prima Sache, gerade bei extrem heißer Witterung, aber doch nicht mitten in der Stadt, direkt vorm C&A in der Barmer Fußgängerzone.

Man kann nicht behaupten, dass nur die Frauen zu viel Kleidung im Sommer weglassen, nein, auch bei einigen Männern sollte man darüber nachdenken, ob sie, bevor sie das Haus verlassen, einer städtischen Kleiderkontrolle unterzogen werden sollten. Ich sah, das ist jetzt kein Witz, vor einer Woche einen älteren, sehr übergewichtigen Herrn, der eine kurze, aber auch zu enge Hose trug. Was soll ich Ihnen sagen, ihm hing tatsächlich sein Schniedelwutz an der Seite raus. Ich kann ihnen gar nicht schildern, wie unappetitlich das aussah. Was geht in diesen Menschen vor? Warum achten sie nicht auf sich? Ist ihnen alles egal? Sind das Internet und RTL an der allgemeinen Verwahrlosung eines Großteils unserer Bevölkerung schuld?

Wenig später, vielleicht eine Dreiviertelstunde danach, als ich gerade überlegte, ob ich mir im Fischrestaurant ein Lachsersatz-Brötchen mit Ei leisten sollte, kommt mir eine Frau entgegen, der eine Brust aus ihrem Dekolleté geflutscht war. Ich bin dann hungrig nachhause gegangen. Viele von ihnen denken jetzt, ich wäre jemand, der über alles meckert, aber das stimmt gar nicht. Ich rege mich zum Beispiel nicht über die Hitze auf, auch nicht darüber, das der „Lange Tisch“ im Grunde nur in Unterbarmen aufgebaut und gefeiert wurde. Ich rege mich auch nicht über Flüchtlinge auf. Ich finde, wir sollten sogar noch viel mehr aufnehmen.

Ich würde mich auch nicht echauffieren, wenn man endlich einmal Artikel 18 des Grundgesetzes anwenden würde, in dem klar und deutlich steht, dass es erlaubt ist, Bürgern unter anderem folgende Rechte zu nehmen: Freiheit der Meinungsäußerung, Pressefreiheit, Lehrfreiheit, Versammlungsfreiheit, Recht auf Eigentum. Er kann gegen diejenigen eingesetzt werden, die Grundrechte zum Kampf gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung missbrauchen. Ich sehe keinen Grund, dies nicht endlich bei AfD-Politikern und ihren Sympathisanten anzuwenden. Mich würde es auch in keiner Weise aufregen, wenn jede Äußerung, in der die NS-Zeit verherrlicht wird oder die Existenz von Konzentrationslagern geleugnet wird, zum Entzug sämtlicher Menschenrechte führen würde. Zusätzlich würde ich endlos lange Haftstrafen für diese Vollidioten keinesfalls kritisch betrachten. Ich wäre darüber viel mehr so unbeschreiblich glücklich, dass es mir dann auch völlig gleichgültig wäre, ob bei starker Hitze meine Mitbürger halbnackt oder nackt mit einer Flasche Bier in der Hand durch die Einkaufszonen von Barmen und Elberfeld trotten, übrigens.

Mehr von Westdeutsche Zeitung