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Nach schwerem Start ist die Jüdische Kultusgemeinde in Wuppertal fest verankert

Jüdische Kultusgemeinde : Nach schwerem Start ist die Jüdische Kultusgemeinde in Wuppertal fest verankert

Vor mehr als 75 Jahren wurde die Jüdische Kultusgemeinde in Wuppertal gegründet. Der Vorsitzende Leonid Goldberg blickt zurück.

 Der Anfang war schwer, als im Herbst 1945 die Jüdische Kultusgemeinde in Wuppertal gegründet wurde. 145 Juden, die in Wuppertal untergetaucht waren, überlebt hatten oder aus Osteuropa in den Westen geflüchtet waren, bauten  die jüdische Gemeinde neu auf, der sich wenig später auch Juden aus Remscheid, Solingen, Velbert, Wermelskirchen und weiteren Bergischen Städten anschlossen.

Im September 2020 sollte das 75-jährige Bestehen gefeiert werden. Zunächst wurde die Feier verschoben, doch Leonid Goldberg (71), der Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde, weiß noch nicht, ob und wann eine Feier zum Gründungsjubiläum stattfinden wird. „Vielleicht verbinden wir es mit unserem Neujahrsempfang“, sagt er. Das jüdische Neujahrsfest Rosch ha-Schana wird 2021 im September stattfinden, denn der jüdische Kalender unterscheidet sich stark vom gregorianischen.

  Goldberg wuchs in Russland auf und lebte ab 1971 in Israel. 1977 zog er mit seiner Familie nach Wuppertal, später nach Solingen. Hier im Bergischen Land engagiert er sich seit über 40 Jahren für die Jüdische Kultusgemeinde. 1993 wurde er der Vorsitzende dieser Religionsgemeinschaft. 1999 initiierte er die Gründung eines jüdischen Wohlfahrtsverbands und entwickelte in Zusammenarbeit mit städtischen und kirchlichen Einrichtungen Konzepte für die Integration neuer Gemeindemitglieder, die überwiegend aus der ehemaligen UdSSR zuwanderten. Er half Familien bei der Wohnungs- und Arbeitsplatzsuche, begleitete sie bei Behördengängen oder war bei Bedarf als Dolmetscher tätig.

Ende der Neunzigerjahre wuchs die Gemeinde so stark, dass man eine neue Synagoge brauchte. Leonid Goldberg setzte sich ebenso engagiert dafür ein  wie der damalige Bundespräsident und  ehemalige Oberbürgermeister Wuppertals, Johannes Rau. Das Grundstück für die Synagoge bekam die jüdische Gemeinde damals von der evangelischen Landeskirche geschenkt. Gleich nebenan steht die Gemarker Kirche, in der die Synode 1934 die „Barmer Erklärung“ verabschiedete. Mit ihr grenzte sich die Bekennende Kirche gegen den diktatorischen Machtanspruch des nationalsozialistischen Staates ab. Zur damals bereits alltäglichen Diskriminierung der Juden stand allerdings nichts in der Erklärung.

Einweihung der Synagoge
in Elberfeld im Jahr 1865

 Ende des 19. Jahrhunderts war die jüdische Religionsgemeinschaft von großen Teilen der Wuppertaler Stadtgesellschaft anerkannt und akzeptiert. 1865 wurde die Synagoge in Elberfeld eingeweiht, 1897 folgte die in Barmen. Bis 1933 lebten in Wuppertal etwa 3200 Juden. Rund 1500 von ihnen wurden in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet. Viele flüchteten, einige wenige überlebten. Nach dem „Gesetz zur Änderung der Mietverhältnisse mit Juden“ wurden 1940 jüdische Mieter in sogenannte Judenhäuser eingewiesen. Eines davon war das Haus Friedrich-Ebert-Straße 73, das auch heute noch der Gemeinde gehört. Ab Mai 1945 diente es den Überlebenden und Rückkehrern der Region als Unterkunft und Anlaufstelle. Ein früherer Speisesaal wurde zum Gebetsraum umgebaut.

In den Nachkriegsjahren blieb die Jüdische Gemeinde des Bergischen Landes klein und wurde wenig wahrgenommen. „Kaum jemand wusste, dass es Juden in Wuppertal gibt“, sagt Leonid Goldberg, „und die wenigen Juden gaben sich nicht als solche zu erkennen.“ Erst 1953 erhielt die Gemeinde den Status einer Körperschaft des Öffentlichen Rechts zurück, der ihr 1938 entzogen worden war. In den 1960er Jahren kehrten Juden aus der Emigration zurück, so dass die Gemeinde auf 130 Mitglieder anwuchs. 1990 gab es aber nur noch 65, meist ältere Mitglieder. Dann setzte vor 30 Jahren eine große Zuwanderung aus der damaligen Sowjetunion ein und die Jüdische Gemeinde wuchs auf über 2400 Mitglieder. Heute sind es noch etwa 2100, die vor allem an den Festen der Gemeinde teilnehmen, weniger an den Gottesdiensten.

Die neue Synagoge in Barmen ist das religiöse, kulturelle und soziale Zentrum der jüdischen Gemeinde. Ein Ort, zum Beten, mit einer Bibliothek, mit Räumen für Religionsunterricht, mit der Mikwe, einem Tauchbad für rituelle Bäder und einer koscheren Küche sowie einem Café.

Vom Fenster seines Büros aus kann Leonid Goldberg auf die Synagoge schauen. Als er anlässlich der Eröffnung im Dezember 2002 nach seinen Wünschen für die Zukunft gefragt wurde, hoffte er darauf, dass es hier keine Polizeibewachung geben müsse. Anfangs fuhr die Polizei nur regelmäßig Streife, doch seit einem Brandanschlag im Sommer 2014 wird die Synagoge von der Wuppertaler Polizei bewacht. Heute möchte Leonid Goldberg keine Wünsche für die Zukunft mehr aussprechen. „Es wird nicht besser“, sagt er.