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Musikhaus Landsiedel-Becker ist Urgestein der Wuppertaler Musiklandschaft

„Wir liefern Noten bis nach Japan“ : Musikhaus Landsiedel-Becker ist Urgestein der Wuppertaler Musiklandschaft

Das Musikhaus existiert bereits seit 1935. Die Kunden kommen aus Wuppertal, der Region oder aber auch aus Japan.

Die Kundin ist schon ein wenig aufgeregt, als sie im Musikhaus Landsiedel-Becker in der Barmer Innenstadt ihre Geige den Experten zur Begutachtung vorzeigt. Das Besondere: Auf einem Etikett, das am Boden eingeklebt ist, steht in altertümlicher Schrift das Wort „Stradivarius“ - nur zu erkennen, wenn man durch das F-Loch des Instruments guckt. Die 61-Jährige ist extra aus Witten nach Wuppertal gekommen, um das Geheimnis ihres Erbstücks zu lüften.

Kann es sich um ein Exemplar des berühmtesten Geigenbauers aller Zeiten handeln, dessen Instrumente auf Auktionen regelmäßige Millionenbeträge erzielen? „Die Geige hing bei meiner Oma an der Wand, der Urgroßvater war Dirigent“, erzählt sie. Doch Geigenbaumeister Erhard Buntrock muss ihr erklären, dass sie keine echte Stradivari geerbt hat, sondern es sich um eine Geige handelt, die um die Jahrhundertwende herum im Vogtland hergestellt wurde: das eingeklebte Etikett macht lediglich kenntlich, nach welchem Modell man gearbeitet hat. „Aber sie ist unglaublich gut erhalten“, lobt Buntrock, während er das rund 120 Jahre alte Instrument in seinen Händen dreht. Seinen Wert schätzt er auf 900 bis 1500 Euro.

„Unsere Kundschaft fühlt sich schon an wie eine große Familie“

Das Musikhaus Landsiedel-Becker wurde 1935 gegründet. Auf rund 120 Quadratmetern erstreckt sich ein Paradies für Musik-Kenner. Geigen, Gitarren, Trommeln und Co. hängen bis unter die Decke, Notenhefte und Musikbücher füllen meterhohe Regale. „Unsere Kundschaft fühlt sich schon an wie eine große Familie“, schwärmt Inhaberin Henriette Bock, die das Geschäft 1984 übernommen hat. Regelmäßig kämen Kunden wieder, um Noten oder Zubehör für ihre Instrumente zu kaufen. Im Musikhaus fühlen sie sich gut aufgehoben und beraten. Wie Lena Schier (8), die mit ihren Eltern eine Schulterstütze für ihre Geige kaufen wollte. „Wir müssen aber wiederkommen und die Geige mitbringen“, sagt das Mädchen. Das Zubehörteil müsse nämlich optimal passen. Die Kunden des Musikhauses sollen zufrieden sein, so Bock. Und das Konzept geht auf. Nun kauften für ihre Kinder auch schon Eltern im Geschäft ein, die selber als Kinder dort Kunde gewesen waren.

Im Jahr 1990 platzte das Musikhaus Landsiedel-Becker aus allen Nähten, ein Umzug erfolgte von der Höhne/Ecke Concordienstraße ein paar Meter weiter in die jetzigen Räumlichkeiten. Außer Tasteninstrumenten werden im Geschäft so gut wie alle Instrumente verkauft. Sie machen rund die Hälfte des Verkaufs aus, die andere umfasst Noten, CDs, Musikbücher und Accessoires. Im Nachbarhaus gibt es ein großes Antiquariat, das zum Laden gehört. Die Flutkatastrophe vor wenigen Wochen habe großen Schaden angerichtet, weil der Keller mit Wasser vollgelaufen war, in dem Instrumente und Noten lagerten. Auch einen ideellen Verlust hat Bock zu beklagen: Ein wertvoller Ordner mit liebevollen, persönlichen Briefen und Gästeeinträgen wurde vom Wasser zerstört. „Die blaue Tinte floss vom Papier herunter“, beschreibt Bock traurig.

Eine Nachfolge für das Geschäft zu finden, sei sehr schwierig, erklärt sie. Musikgeschäfte seien in der Bergischen Metropole rar gesät. „Wir müssen uns auch gegenüber dem Online-Handel behaupten“, verdeutlicht die examinierte Kirchenmusikerin ein weiteres Problem. So habe das Musikhaus seinen eigenen Online-Shop erweitert, um konkurrenzfähig zu werden. „Bei den Google-Suchergebnissen kommen wir relativ weit unten auf der zweiten Seite, wenn man uns nicht direkt sucht“, sagt sie etwas zerknirscht. Daran wolle sie noch arbeiten.

Nach Einbußen durch die Pandemie geht der Blick nach vorn

Die Pandemie hat die Erlöse um 30 bis 50 Prozent einbrechen lassen, insbesondere das verlorene Weihnachtsgeschäft sei schmerzhaft gewesen. „Jetzt geht es langsam wieder los“, freut sie sich. Durch Corona habe das Geschäft aber auch einen Digitalisierungsschub bekommen, nicht zuletzt dank einer NRW-Landesförderung, die das möglich gemacht habe. Bock erklärt, dass sie nun mit einem Warenwirtschaftssystem arbeiteten, bei dem jedes Produkt eingepflegt wird. „Das ist spannend und die Voraussetzung dafür, dass wir überhaupt einen Nachfolger bekommen“, weiß sie. Vorher war ihr Kopf das Warenwirtschaftssystem, wie sie lachend sagt.

Manches Mal müsse sie sich dafür rechtfertigen, wenn etwas teurer sei als bei den Online-Riesen. Viele Kunden schauten aber nicht auf den Preis, und wo sie ein Produkt eventuell etwas günstiger herbekämen, sondern wollten den Handel vor Ort unterstützen. „Wir liefern sogar Noten bis nach Japan“, sagt sie lächelnd.

Erhard Buntrock ist 2014 als Geigenbauer zum Musikhaus Landsiedel-Becker gestoßen. Davor hat der 69-Jährige einen Reparaturservice für Streichinstrumente in der Beek angeboten, bevor er die Werkstatt aufgelöst hatte. „Im Musikhaus habe ich Asyl gefunden“, verrät er schmunzelnd. Außer Kontrabass hat der Mann, der für die CDU im Stadtrat sitzt, schon alle Streichinstrumente mit eigenen Händen gebaut. In einer Geige stecken rund 200 Arbeitsstunden, wie er erzählt, ihr Neupreis liege mit den Materialkosten somit bei rund 10 000 Euro.

Für die meisten Eltern sei es unmöglich, so viel Geld auf den Tisch zu legen, deswegen können im Geschäft Instrumente schon für zweistellige Eurobeträge im Monat gemietet werden. „Es ist wichtig, dass man einem Kind die Möglichkeit gibt, ein Streichinstrument zu erlernen“, ist er überzeugt. Ferner diene dies der Kundenbindung.

Musik als wertvoller Begleiter für das ganze Leben

Schon als Kind hat Buntrock selber Geige gespielt. Sein Lieblingsinstrument ist die Bratsche, die begeistere ihn vom Klang her besonders. Musikalisch ist er eher auf der klassischen Schiene unterwegs, liebt Bach, Mozart und Brahms, hat auch lange im Orchester gespielt. Den Beruf des Geigenbauers hat er ergriffen, weil es einen Mangel an ihnen gab, und die Nachfrage hoch war. Im Gegensatz zu Lehrern. Buntrock studierte auf Lehramt Germanistik und Sport.

Die erste Frage, die er stelle, wenn ein Kind anfangen will, ein Instrument zu erlernen, ist, ob es einen Lehrer gebe, da die Bewegungsabläufe komplex seien und allein die richtige Haltung einzunehmen sich ohne professionelle Korrektur als sehr schwierig darstelle. Aber wenn ein Kind die Lust und Ehrgeiz aufbringe, ein Instrument zu erlernen, könne die Musik ein wertvoller Begleiter fürs ganze Leben sein.