Müllsammeln in Wuppertal: Flaschen, Becher und eine Lohnabrechnung

Abfall : Müllsammeln in Wuppertal: Flaschen, Becher und eine Lohnabrechnung

Was werfen die Menschen achtlos ins Gebüsch? Wir haben aufgehoben, was andere fallen gelassen haben.

Zu Ostern im Garten meiner Eltern habe ich immer gerne die Äste der Büsche zur Seite geschoben und mich über die Funde gefreut. Goldene Hasen und kleine Nester mit Schoko-Eiern gab’s. Jetzt fahre ich wieder suchend mit den Händen durchs Unterholz, aber was ich entdecke, ist keine Freunde. Die Böschung zwischen Südstraße und Wupper, ganz in der Nähe der Schwimmoper, ist eine Müllhalde. Ja, bunt sind die Funde noch immer: Ich finde einen lilafarbenen Strohhalm, Schnapsflaschen mit grünem Glas und gelbe Trinkpäckchen. Einige Bilder auf den Etiketten der Verpackungen sind durch die Witterungseinflüsse verblichen. Vieles liegt hier vielleicht schon seit Jahren im Gebüsch.

Das ist das Schicksal von Grünanlagen in Innenstadtnähe: Hier lassen Passanten gerne unliebsamen Müll verschwinden. Doch Kaffeebecher, Burger-Kartons und Bierflasche sind noch da. Unter den Ästen und Blättern ist nichts verrottet oder hat sich in Luft aufgelöst.

Die Fundstücke erzählen Geschichten über ihre ehemaligen Besitzer. Kein Objekt finde ich so oft wie die Schnaps-Fläschchen der Marke Jägermeister, dazu ein paar Mehrwegflaschen, denen das Pfandsystem auch nicht ihr Schicksal ersparen konnte und unzählige Zigarettenschachteln und Bierdosen. Vor dem inneren Auge sieht man da vielleicht Jugendliche und andere Zeitgenossen mit viel Freizeit, die nach der Zusammenkunft den Gang zu den 200 Meter entfernten Mülleimern an der Schwimmoper gescheut haben.

Doch an der Müllböschung ist ganz offensichtlich nicht nur eine kleine Personengruppe beteiligt. Ich finde einige To-Go-Kaffeebecher, die nach dem Genuss wohl zu schwer in der Hand lagen, einen kleinen Regenschirm, der bestimmt vom Wind aus einer Kinderhand geweht wurde, eine Rosé-Flasche, die sicherlich zu einem fröhlichen Anlass im Sommer aufgeploppt ist, und eine leere Pillenpackung, mutmaßlich vom Tag danach. Auch die Polizei hat an einem Geländer ihre Spuren hinterlassen. Dort hängt noch ein Teil eines Absperrbandes: Dieses erinnert zurück an den Bombenfund, den Bauarbeiter im Sommer am Dörpfeld-Gymnasium gemacht haben.

Ein schwarzer Kasten ist im Dickicht versteckt

Aufmerksam werde ich, als mir ein zusammengefaltetes Papier in die Hände fällt. Bei diesem Fund muss ich nicht über den einstigen Besitzer spekulieren, denn der Name steht auf dem Dokument: es ist eine Lohnabrechnung. Offenbar hat ein Remscheider seine Unterlagen ins Grün fallen lassen. Nun wissen wir, wo der gute Mann wohnt, wie hoch sein Gehalt ist und was er an Kirchensteuer zahlt. Das Ordnungsamt nennt solche Funde einen Glücksfall. Mit Dokumenten dieser Art, die sich manchmal im Hausmüll auf wilden Kippen finden lassen, können die Verursacher zurückverfolgt werden.

Es muss ja nicht immer böse Absicht gewesen sein, denke ich, als ich einen alten Handball in der Böschung ausmache. Es kann ja sein, dass der Ball nur im entscheidenden Moment nicht gefangen und zum Leid seines Besitzers vom Dickicht geschluckt wurde. Aber, bei allem Wohlwollen: Die Grünfläche, die ich hier durchforste, erzählt nicht die Geschichte von vielen Versehen, sondern die von grenzenloser Bequemlichkeit. Einfach und mühelos – dafür stehen auch viele Produkte, deren Verpackung ich finde: etwa die Fastfood-Tüten der bekanntesten Anbieter oder die Fertigkaffee-Becher.

Gar nicht mühelos ist das Müllsammeln. Mit jeder klebrigen Verpackung und jedem alten Taschentuch steigt mein Respekt vor den Müllsammlern, die nicht nur zum Test losziehen. Diejenigen, die freiwillig zum Wupperputz oder an den Picobello-Tagen in den Quartieren über mehrere Stunden dorthin gehen, wo es weh tut und Dinge auflesen, die keiner anfassen möchte. Selbst nicht mit der Kneifzange. Die würde ich mir jetzt auch wünschen, denn das ständige Bücken zieht langsam im Rücken.

Zum Abschluss entdecke ich einen schwarzen Kasten in einem sehr dichten Gebüsch. Gespannt ziehe ich das ungewöhnliche Fundstück hervor. Was wird hier wohl deponiert? Geld? Drogen? Ein Aufkleber liefert eine Antwort: Rattengift. Offenbar fühlen sich die Nager hier sehr wohl, regnet es doch regelmäßig Leckereien.

Der Sack ist voll. Bestimmt fünf Kilo Müll konnte ich in kürzester Zeit zusammensuchen. Doch die Ratten müssen nicht traurig sein. Es ist noch genug Futter da und der Nachschub wird kommen.