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Möhnen lesen dem OB die Leviten

Möhnen lesen dem OB die Leviten

Pünktlich um 11.11 Uhr haben die Karnevalistinnen die Macht im Rathaus übernommen.

In jedem Jahr zu Weiberfastnacht versammelt sich auf dem Rathausvorplatz eine handfeste Truppe kostümierter weiblicher Jecken, um pünktlich um 11.11 Uhr das Rathaus zu stürmen. Angeführt wird das wild entschlossene Weibervolk von Sylvia Hagedorn, der Präsidentin der Großen Wuppertaler Damen-Karnevalsgesellschaft. In schwarzer Admiralsuniform mit Dreispitz und weißer Lockenperücke gab sie, assistiert von ihrer Vertreterin Cornelia Marx, ein respekteinflößendes Bild ab und war einmal mehr bereit, wie seit 35 Jahren, dem Oberbürgermeister in einem ernsten Wort von Frau zu Mann gehörig die Leviten zu lesen.

„Anlass gibt es genug. Man braucht ja nur die Zeitung zu lesen“, meinte die frühere Pharmareferentin grimmig. Was sie aber nicht daran hinderte, zusammen mit ihren Geschlechtsgenossinnen zu den Klängen von Klaus Prietz am Akkordeon und Hermann Wehlemann an der Gitarre das „Lenchen vom Tippentappentönchen“ zu schmettern, ebenso wie das ebenso beliebte „Ob vom Ölberg oder Zoo“, wobei der Refrain von den „Jonges ausm Tal“ allerdings folgerichtig in „Mädels“ umgetextet wurde.

Keine Angst vor der weiblichen Übermacht hatte der als Panzerknacker kostümierte Sozialdezernent Stefan Kühn, der in den Reihen der närrischen Weiber auch gleich liebevolle Aufnahme fand, mit ihnen schunkelte und so fröhlich sang, dass sich auch noch ein paar Männer dazu trauten.

Doch dann wurde es ernst: Um 11.11 Uhr wurde die Rathaustreppe erklommen, die Stufen zum ersten Stock gestürmt und ohne nennenswerte Gegenwehr das Sitzungszimmer geentert. Empfangen von OB Andreas Mucke, dem man - angetan mit schwarzer Langhaarperücke, einer lila gemusterten Modesünde aus den Siebzigern und dazu einer rostbraunen Jeans gerne glauben wollte, dass, was die Stadtkasse angeht, nichts zu holen ist. Ein paar Gläschen Prickelndes und einige Teller mit Gebäck standen allerdings trotzdem für die nach Macht strebende holde Weiblichkeit bereit.

Und dann legte Sylvia Hagedorn los, trug in pointierter Reimform vor, was alles an Murks produziert worden war. Mauer am Döppersberg, Seilbahn, Bahnhof, Brücke Brändströmstraße — alles kam auf den Tisch.

Wuppertals erster Bürger, sichtlich getroffen, hatte eigene Verse verfasst, für die närrische Herrschaft im Rathaus Ratschläge parat, wie sie sonst nur Oppositions-Angehörige formulieren, die gipfelten in der Forderung, den Zuschuss für den Rosensonntagszug zu erhöhen. Dann präsentierte der OB noch Visionen, von einem WSV, der die Bayern in der Champions League schlagen würde, und dass die Stadt so wachsen möge, dass Düsseldorf Wuppertals westlichster Stadtteil werden sollte.

Derartiges musste der für seinen sarkastischen Humor bekannte Altkanzler Helmut Schmidt gemeint haben, als er sagte: „Wer Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen.“ Weibliche Dominanz repräsentierten dann noch Ihre Tollität, Ute II., als Marketenderin mit kernigen Reimen, und auch Kinderprinzessin Melissa I., als liebliches Rokoko-Fräulein verkleidet, hatte ein paar mahnende Worte an den Oberbürgermeister zu richten.

Der und die nach und nach hinzu kommenden Männer, wie Kulturdezernent Matthias Nocke im Gewand von Heinrich VIII., vernahmen es betroffen und klatschten sogar Beifall, als immer wieder gefordert wurde: „Frauen an die Macht.“