Mode aus dem Tal — bestrickend und sexy

Mode aus dem Tal — bestrickend und sexy

Der Name Halstenbach stand einst für eine Wuppertaler Textilunternehmer-Dynastie. Nun erfährt er neuen Ruhm: Designerin Andrea Halstenbach ist auf dem Weg zum Durchbruch in der internationalen Modewelt.

Eine Frau startet durch. Von Wuppertal aus erobert Andrea Halstenbach die Welt, gerade begeistert sich Amerika für ihre puristische Mode, die aus feinsten Materialien entsteht. „Die Leute denken immer, Strickwaren, das sind doch nur Pullover“, lächelt das 55-jährige Energiebündel verschmitzt, „dabei kann man damit alles machen — vom dünnsten Hemdchen bis zum dicksten Mantel“. Ohne dafür der Heimat den Rücken kehren zu müssen: „Bis vor kurzem hatte ich nicht mal einen Koffer. Jetzt reise ich natürlich viel, habe aber schon vor der Abfahrt Heimweh“, steht die energische Frau zu der Stadt, in der sie aufgewachsen ist: „Man hat hier doch alles, da kommt man gar nicht auf den Gedanken, weg zu wollen.“

Foto: Halstenbach

Andrea Halstenbach

Foto: Halstenbach

Die Friedrich-Engels-Allee ist die alte Hauptverkehrsstraße, die Barmen und Elberfeld verbindet. Hier finden sich noch viele alte Bauwerke, die nicht selten unter Denkmalschutz gestellt sind. 1860 wurde das Schieferfachwerkhaus gebaut, in dem „Halstenbach Fine Clothes“ untergebracht ist und Familie Halstenbach wohnt. Das sind neben Andrea Ehemann Ullrich und drei Kinder. Vor 30 Jahren mietete das Ehepaar zunächst das Hinterhaus, eine frühere Werkstatt. Mittlerweile gehört ihnen auch das Haupthaus, das die Familie selbst hergerichtet und mit viel Liebe und Geschmack umgebaut und eingerichtet hat.

Alte Deckenmalerei, Stuck und alte Bodendielen in dem kleinen Raum neben dem Eingang bieten das malerische Ambiente für die Anprobe, zu der die Designerin manchmal private Kundinnen empfängt. Im ersten Stock mit Blick auf ein italienisches Restaurant gegenüber steht der kleine Glasschreibtisch, an dem sie mit Fineliner Zeichnungen für ihre Mode anfertigt. „Das sind eher technische Zeichnungen. Ich weiß im Kopf schon ziemlich genau, wie es aussehen soll.“ Die Designerin entwirft, was sie selber gerne hätte, „worüber ich mich freuen würde“. Inspiration holt sie sich in Kunstausstellungen, bei guter Musik oder Designerkollegen, deren Arbeiten sie schätzt.

Rückblick auf einen zielstrebigen und mutigen Werdegang: Schon als Kind interessierte sich Andrea Halstenbach für Mode, schloss nach der Schule Schneiderlehre, Directricenausbildung und Modeschule an, entwarf und fertigte erste Kleider — freischaffend, angestellt wollte sie nie sein.

Selbst in der Familienphase ab 1990, in der sie mehrere Jahre ihren Beruf gar nicht ausüben konnte, weil sie „200-prozentig“ für ihre Kinder da war, verlor sie ihr Ziel nicht aus den Augen. 2004 sicherte sie sich ihr Label, begann mit den ersten Modenschauen im Haus, baute sich einen Stamm mit Kundinnen in Wuppertal auf.

Weil sie aber nicht als Selbstnäherin im kleinen Ladenlokal enden wollte und in Deutschland nur zwei Boutiquen, in Köln und München, fand, die ihre Kleidung verkaufen wollten, reiste das Ehepaar Halstenbach schließlich in die USA, wo — im Gegensatz zu Europa — Anfängern gern eine Chance gegeben werde. Nach einem ersten Verkaufserfolg 2016 folgte letztes Jahr der Durchbruch.

Ulrich Halstenbach erinnert sich: „ Wir taperten durch New York, weil es dort eine besonders kreative Designerszene gibt.“ Beim Designer-Store „Flying Solo“ wurden sie fündig, nahmen an Modenschauen teil, wurden prompt entdeckt. „Seitdem ist so viel losgegangen. Es läuft richtig gut, macht viel Spaß“, strahlt die Modeschöpferin.

Alle sind stolz auf Andrea Halstenbach: Einige Wuppertalerinnen freuen sich, dass sie „ihren Schrank voll mit meiner Kleidung haben“. Die Familie unterstützt sie — Ehemann und Unternehmensberater Ulrich organisiert und „entwickelt die Vision zu dem, was ich will“, die zwei Töchter und ein Sohn (27, 25 und 20 Jahre alt) übernehmen beispielsweise die Social Media, der Freundeskreis hilft beim Fotoshooting oder stellt schon mal die Models.

Und die Altvorderen? Schließlich steht der Name Halstenbach für eine Wuppertaler Textilunternehmer—Dynastie, die erst in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts zu Ende ging. „Wenn mein Schwiegervater noch leben würde, wäre er sicherlich stolz“, sagt die Designerin, während ihr Ehemann mehr die Kreativität der ganzen Familie mit Kunst- und Schauspielstudium sowie Kochausbildung betont, sich freut, „Agent fürs Kreative zu sein“.

Andrea Halstenbach

Die Designerin strickt nicht, und Italienisch spricht sie auch nicht. Dennoch steht Andrea Halstenbach für Strickwaren made in Italy, weil sie dort einen Betrieb fand, der „nach meinen Zeichnungen das anfertigte, was ich wollte“. Und weil in dem Strickwarenbereich, in dem sie aktiv ist (ein Kaschmirpullover kostet ab 600 Euro, ein speziell laminierter Mantel 1800), weniger Konkurrenz besteht. Ihre Mode ist puristisch, sexy, minimalistisch, extravagant. „Klassisch und zeitlos“ hört sie nicht so gern. Bei Stil und Linie bleibt sich die Modeschöpferin treu, Feinheiten verändern sich eher. Mal schaut „eine kleine Rüsche wie Schlagsahne unter einem Mantel hervor“, mal hat eine Strickjacke einen aufwendigen Volant. Verwendet werden luxuriöse Garne aus hundertprozentigem Kaschmir, hundertprozentigem Merino oder einem 70:30-Kaschmir-Seide-Gemisch. Die Felljacken sind aus Kunstfell — bei der Schau in New York im Februar präsentierte erstmals ein Mann auf dem Laufsteg eine Unisex-Fake-Fur-Jacke. Während die zierliche Frau mit dem roten Bubikopf für sich selbst Schwarz bevorzugt, kommen bei ihrer Mode alle Farben vor — der nächste Winter etwa wird blau und weiß. Hin und wieder werden auch Unikate, „Kunstwerke“, gefertigt - so wie der „skulptural kit“, der nur für besondere Events wie Foto- shootings ausgeliehen wird.

Wie geht es weiter? Im Kopf entsteht gerade die Frühjahr-/Sommermode 2019. Nach der Fashion Week im Februar in New York soll im April für ein bis zwei Wochen in Dubai ein Laden angemietet werden. Mit solchen Popup-Stores haben Halstenbachs bereits in Honkong und Miami gute Erfahrungen gemacht. Und was ist mit Deutschland? „Mal gucken, was noch kommt.“ Einen festen Plan hat die Wuppertalerin nicht, aber ihre Zielstrebigkeit.

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