Mit Kindern mutig in die Zukunft

Mit Kindern mutig in die Zukunft

Uta Atzpodien vom Freien Netz Werk Kultur über das Jugendprojekt „tanz, tanz... wir“.

„Tanz, sonst sind wir verloren.“ Unter einem hochgekrempelten Hemd lugen diese Worte hervor, tätowiert auf den Arm eines Künstlers. Er sammelt gerade Objekte zusammen, die für das Kinder- und Jugendprojekt „tanz, tanz … wir“ vom Tanztheater Wuppertal am vergangenen Wochenende im Barmer Haus der Jugend installiert waren. Ob Lebens- oder Überlebensparole: Die Worte rufen Gänsehaut hervor mit ihrer eindringlichen Aufforderung, nicht aufzugeben, sich zu bewegen, zu tanzen, zu inspirieren, gemeinsam etwas zu tun.

Bekannt wurden die Worte durch Pina Bausch und den Film von Wim Wenders. Sie saß mit Zigeunerfamilien zusammen, heißt es, sie sprachen, fingen irgendwann an zu tanzen und forderten zum Mitmachen auf. Sie zögerte, bis ein ungefähr zwölfjähriges Zigeunermädchen sie mit diesen Worten aufforderte, mitzutanzen. Viele Erwachsene haben sie oft schon verloren, diese eindringliche, manchmal naive, grenzüberschreitende und zukunftsweisende Kraft, die in Kindern und Jugendlichen steckt.

Fantasie, Kreativität und Lebendigkeit pulsieren in dem vielseitigen Programm „tanz, tanz … wir“ in Choreografien, Filmen, kulturell vielseitigen Szenen oder einem Tanzparcours. Zehn Monate lang fanden Proben statt. Erstmals öffnete sich damit Pina Bauschs Lichtburg für eine Begegnung auf Augenhöhe. Enge Kooperationen entstanden mit der Gesamtschule Barmen, der Freien Aktiven Schule in Wülfrath und anderen. Die professionellen Künstlerinnen und Künstler, Ruth Amarante, Jorge Puertas, Fabien Prioville, Kim Münster, Tobias Daemgen wurden Wegbegleiter, die den Kindern und Jugendlichen vermitteln, „es selbst zu tun“, wie es auch die Montessori-Pädagogik vertritt. Sie gestalten selbst, ihre und unsere Welt.

Freie Kultur

Wuppertal

Im öffentlichen Fokus stand in den vergangenen Tagen die Nazi-Demo am Samstag, weniger die künstlerische Arbeit der Kinder und Jugendlichen. Alles drehte sich um Fragen der Sicherheit und Angst. Das Kunstprogramm am Geschwister-Scholl-Platz musste auf den Sonntag weichen.

Lasst uns die Perspektive wechseln: „Dafür ist das neue Dagegen.“ Die künstlerisch-forschende Arbeit bringt uns weiter. Ganz wichtig sind hier Kinder und Jugendliche. Viele leben in Kinderarmut. Kunst und Bildung stärken das Selbstwertgefühl. So kann weitaus mehr Verantwortung, Verständigung, Gemeinschaft und Kommunikation auf Augenhöhe für unsere Gesellschaft entstehen. So gehen wir mit weitem Blick und offensiv mit Extremismus um. Die Faszination, mit der sich Kinder und Jugendliche neugierig auf die Welt einlassen, bringt uns weiter. Sie erforschen, nehmen andere Perspektiven ein und lernen Gemeinschaft erfahren.

Das vermögen sie auch bei weniger bequemen Themen. Das Kinder- und Jugendtheater greift derzeit mit „Die Welle“ ein Machtspiel auf, das kein Spiel mehr ist. Künstlerisches Handwerk bietet der Kulturrucksack für Zehn- bis 14-Jährige mit seinen Workshops. Gestern und heute füllen tausende von Kindern mit der „Singpause“ die Stadthalle. Im August öffnet der integrative Kulturkindergarten von der Alten Feuerwache an der Nordbahntrasse, in der „Bildung mit allen Sinnen“ erfolgen soll, wo Kinder zur Ruhe kommen und Natur erleben können.

„Mut zur Zukunft“ brauchen wir für Projekte mit Horizont. Die Wuppertaler Junior Uni ist eine solche gelebte Utopie. Elan und Kreativität sind dafür nötig. Ihre engagierte Geschäftsführerin Ina Krumsiek hatte sie. Vor wenigen Tagen ist sie gestorben. Auch sie hat „Tanz“ in die Welt gebracht: Über all das, was sie bewegt hat, werden wir sie nicht verlieren.

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