Mit Begeisterung und Lust gemeinsam in die Zukunft

Mit Begeisterung und Lust gemeinsam in die Zukunft

Dramaturgin und Autorin Uta Atzpodien über neue Wege und eigenwillige Persönlichkeiten.

Innehalten und Querdenken sind wichtig, wenn es heißt, sich von Altem und Gewohntem zu trennen und Neues entstehen zu lassen. Neues bleibt lange ungesehen, ist verschmäht oder verpönt. Eigenwillige Persönlichkeiten engagieren sich, öffnen Wege, die sich viele nicht vorstellen können oder wollen. Wegbegleiter gesellen sich dazu. Funken von Begeisterung und Lust auf Veränderung und Neues vermögen zu beflügeln. Aus einer Haltung entstehen Ideen und Projekte, die mit Schwung und Elan Wege in die Zukunft öffnen.

Freie Kultur

Wuppertal

Seien es Friedrich Engels, Pina Bausch, Rose Ausländer oder Christoph Schlingensief: Biografien von Persönlichkeiten aus Weltgeschichte und Kunst sind es, die mir jüngst auf meinem Lebensweg neu begegnet sind, mich weiter begleiten werden. Sie machen greifbar, wie wertvoll und wichtig es gegenwärtig ist, aus einer von Menschen geprägten Vergangenheit zu schöpfen. Leben, Werk und Auswirkungen genauer zu erforschen und sich von ihrer Haltung inspirieren zu lassen.

Spätestens jetzt, mit der Auftaktveranstaltung vergangene Woche zum Engelsjahr 2020 im Historischen Zentrum am Engelsgarten, rückt der aus Wuppertal stammende Friedrich Engels neu ins Bewusstsein. Als Philosoph, Gesellschaftstheoretiker, Unternehmer, Revolutionär und vieles mehr war er ein Universalgenie und hat vielseitig die Weltgeschichte geprägt. Doch welche Rolle spielt er heute für uns in Wuppertal, ganz konkret? Wie können er, seine Ideen und seine Persönlichkeit uns zur Seite stehen, anregen, um den rasanten Veränderungen der Arbeitswelt, den pulsierenden Fragen nach sozialer Gerechtigkeit, nach einem menschlichen Umgang mit Digitalisierung, Globalisierung und den Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen?

Die Kunst hat schon immer eigenwillig provozierende, sinnlich und menschlich berührende Spielweisen für ein Querdenken gefunden. Pina Bausch und das Tanztheater zeigen uns das seit vielen Jahrzehnten. Der Puls der hiesigen Kunstszene wurde von Persönlichkeiten wie Peter Kowald und vielen anderen angeregt. Künstler und Künstlerinnen von außerhalb waren und sind immer neue Inspiration.

In der „Filme zur Kunst“-Reihe, einer Kooperation des Skulpturenparks Waldfrieden mit „Movie in Motion“, war jüngst der Film „Chance 2000 — Abschied von Deutschland“ über den viel zu jung verstorbenen Kunstaktivisten Christoph Schlingensief zu sehen. Mit Parolen wie „Scheitern als Chance“ oder „Wähle Dich selbst“ verquickten sich Theaterspektakel und Wahlkampf, Kunst und Politik. Über Schlingensief als quirligen Querdenker wurden menschliche Fragen erfahrbar.

Das geschah, indem gesellschaftliche Prozesse provokativ hinterfragt und Menschen einbezogen wurden, die sonst gesellschaftlich im Abseits stehen. So können über die Kunst via Begeisterung, Haltung und Lust am eigenen Tun gelebte Visionen entstehen, die der alltäglichen Politik viel zu oft verloren gehen.

Mit Viertelklang, Performance-Nacht, Kulturtrasse und vielem anderen hat das Kulturbüro in den vergangenen Jahren einiges ungewohntes auf die Beine gestellt. Jetzt wird eine neue Leitung gesucht. Auch hier geht es um einen Spagat: zwischen Kunst und Verwaltung. Auch hier geht es um Visionen. Um weiter mit Begeisterung und Lust gemeinsam in die Zukunft zu steuern, sind künstlerische Erfahrung, Stadtkenntnis und ein Gespür für Veränderungsprozesse gefragt — damit wir die Transformation über Kunst und Kultur in und für Wuppertal weiter vorantreiben.

Mehr von Westdeutsche Zeitung