Michael Vetter - Ein Spötter im Schlafrock seziert die Politik

Michael Vetter - Ein Spötter im Schlafrock seziert die Politik

Der gebürtige Wuppertaler Michael Vetter gastierte als Rheinischer Michel in Barmen.

Barmen. Er ist Kölner, doch seine Wurzeln hat er in Wuppertal. Es war also ein Heimspiel für den Rheinischen Michel, als er am Dienstagabend im Haus der Jugend Barmen seine Späße trieb.

„Sie werden bitte entschuldigen, aber ich mache mir so meine Gedanken“ warnte der gebürtige Wuppertaler Michael Vetter in Anlehnung an den Deutschen Michel, der bereits im 15. Jahrhundert auftauchte und in den 1840er Jahren seinen Höhepunkt an Popularität erlangte. Die ursprünglich als Tölpel oder Fantast bezeichnete Figur blickt mit Bauernschläue auf tagespolitische Ereignisse. Das leider nur spärlich erschienene Publikum entschuldigte gerne und ließ sich von Vetter auf eine kabarettistisch-politische Europareise mitnehmen.

Dabei durften die auffallenden Attribute des Michel, die Zipfelmütze und der Schlafrock nicht fehlen. So gekleidet machte der seit 20 Jahren in Köln beheimatete Vetter aus dem Deutschen Michel einen rheinisches Exemplar mit entsprechendem Zungenschlag. Im charakteristischen Singsang schlug Vetter einen Bogen von Papandreou bis Mama Merkel, konstruierte eine romantische Begegnung am Strand, die mit einer profanen Bitte nach Geld endet: „Ich bin watt klamm.“ Gegebene Milliarden, verschwundene, falsch gebuchte Milliarden — dem Michel entgeht nichts in seinem Kabarett-Programm, das als Radio-Sendung begonnen hatte.

„Wissen Sie, was EZB heißt? Einfach zu bekommen“, klärte der Michel über die Europäische Zentralbank auf, um dann Europa mit Wuppertal zu vergleichen: „Beide sind finanziell in einem Schwebezustand“. Doch auch vor seiner neuen Heimatstadt Köln machte er nicht halt: „Wenn hier das Regierungsviertel wäre, es wäre noch nicht fertig gebaut.“ Lustig gerieten auch die Überlegungen zu Helmut Kohls weiterem politischen Werdegang: „Hat dem noch keiner gesagt, dass er nicht mehr Kanzler ist?“ Vetter schlägt vor: Kohl als Antikorruptionsminister oder als Bundesminister für Ernährung. „Wer wäre dafür besser geeignet?“ Auch wenn Vetter einige Passagen zu lang gerieten, wie etwa ein offener Brief an die Regierung über die Lage in Griechenland: Der Michel bot gute kabarettistische Unterhaltung, zu der ihm mehr Zuhörer zu gönnen gewesen wären.

Mehr von Westdeutsche Zeitung