Kolumne Der Spagat zwischen Familie und Haltung

Der Spagat zwischen Familie und eigener Haltung ist besonders an den Feiertagen nicht immer leicht.

 Meieli Borowsky berichtet von ihren Erfahrungen mit Alltagsrassismus.

Meieli Borowsky berichtet von ihren Erfahrungen mit Alltagsrassismus.

Foto: Meieli Borowsky

Ein Thema, welches mich schon länger beschäftigt, ist der Umgang mit Rassismus und rassistischer und diskriminierender Sprache innerhalb der Familie. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieses Thema, insbesondere zur Weihnachtszeit, in der einen oder anderen Familie auch aktuell wurde. 

Angenommen, man sitzt gemütlich am runden, gut gedeckten Tisch zusammen. Man unterhält sich angeregt über dieses und jenes, zu weihnachtlichen Klängen aus dem Radio. Und plötzlich kippt die Stimmung, weil der Nachrichtensprecher im Radio über das Flüchtlingslager Moria spricht und man im Zuge dessen zu bedenken gibt, dass es gerade vielen Menschen überhaupt nicht gut geht. Diese Menschen frieren, leiden Hunger, sitzen in menschenunwürdigen Camps fest und das alles an den eigenen europäischen Grenzen.

Vielleicht kippt die Stimmung schon, weil man „es“ überhaupt angesprochen hat. Für mich würde sie erst dann kippen, wenn mir entgegengebracht würde: „Da sind die doch selbst schuld“, „Das haben die sich doch so ausgesucht“, oder: „Wenn es denen so schlecht geht, sollen die doch wieder in ihre Heimat gehen“. Oft habe ich solche Sätze mit Absicht überhört, nur um Diskussionen und Streitigkeiten aus dem Weg zu gehen. Danach habe ich es genauso oft bereut, nichts gesagt zu haben, nur um den Familienfrieden zu wahren. Inzwischen ist mir klar, dass ich mir nicht nur meinen eigenen Frieden genommen habe, ich habe einer mir lieben Person die Möglichkeit genommen, sich selbst zu hinterfragen und eventuell etwas dazuzulernen.

Dabei geht es nicht darum, dem Gegenüber seine Meinung aufzuzwingen, es geht vielmehr darum, respektvoll miteinander umzugehen und Verständnis füreinander zu haben. Offenheit und Empathie sind also gefordert. Denn die Möglichkeit besteht, dass man nicht den gleichen Horizont hat oder dass etwas anderes als Rassismus oder Diskriminierung hinter einer diskriminierenden und/oder rassistischen Aussage steckt. An der Stelle ist es wichtig zu unterscheiden, dass eine Aussage sehr wohl diskriminierend und/oder rassistisch sein kann, unabhängig von der Intention des Aussagenden oder der Aussagenden.

Dazu fällt mir folgendes Beispiel ein: „Warum jetzt plötzlich Straßennamen wie die Mohrenstraße geändert werden, ist mir ein Rätsel. Das Wort Mohr haben wir doch immer schon gesagt. Man kann sich auch über alles pikieren.“ Die Person weiß offenkundig nicht, warum das Wort rassistisch und diskriminierend ist und warum es sehr wohl angebracht und längst überfällig ist, Straßen, Apotheken, Firmen, Süßigkeiten oder Produkte, die diesen oder ähnliche Begriffe enthalten, umzubenennen.

„Möchtest du denn verstehen, warum dieser Begriff durchaus rassistisch und diskriminierend ist?“, könnte eine gute Einleitung sein, um den Begriff anschließend zu erklären. Das Wort versteht sich als veraltetes Synonym des N-Wortes und beinhaltet folglich die gleichen Rassismen gegenüber schwarzen Menschen und weist des Weiteren auf deren Sklavenstand hin. Da Sklaverei offiziell abgeschafft wurde, sollte die logische Konsequenz sein, derlei Begriffe genauso abzuschaffen.

Der Ton
macht die Musik

Meine persönlichen Vorsätze für rassistische und diskriminierende Kontexte innerhalb der Familie möchte ich im Folgenden kurz vorstellen: Nicht jeder Kampf ist es wert, ausgefochten zu werden. Rassistische oder diskriminierende Sprache nicht ungesagt stehen lassen. Denn damit verändere ich den Raum und zeige automatisch meine Grenze auf. Grenzen aufzeigen – wenn mich etwas Gesagtes diskriminiert, verletzt, beleidigt, aufwühlt oder mir unangemessen erscheint, dafür sorgen, dass mein Gegenüber es mitbekommt. Dabei muss ich nicht alles erklären und darf erwarten, dass mein Gegenüber mir so viel Respekt entgegenbringt, dass ich mich nicht rechtfertigen muss. Über Verständnisnachfragen freue ich mich aber sehr wohl und beantworte diese auch sehr gerne. Der Ton macht die Musik. Ich kann sehr wohl heraushören, ob jemand wirklich verstehen will, warum ich reagiere, wie ich reagiere, oder ob jemand ohne Verluste darauf abzielt, seine diskriminierende oder rassistische Aussage zu rechtfertigen. Den Raum verlassen, falls es doch mal hitzig hergeht. In wütendem Zustand lässt es sich nämlich nicht gut kommunizieren. Die Diskussion kann auch zu einem späteren Zeitpunkt fortgeführt werden, wenn sich alle Parteien wieder wohl fühlen.  Nachfragen statt anprangern. Dadurch ist mein Gegenüber aufgefordert, sich zu erklären und seine Intention zu hinterfragen.

Die eigenen Werte nicht aus den Augen zu verlieren und trotzdem zu versuchen, Verständnisbrücken zu schlagen, ist nicht immer einfach. Daher sollte man immer abwägen, bis zu welchem Punkt eine Diskussion sinnstiftend ist. Die Grundlage sollte immer ein achtsamer und respektvoller Umgang miteinander sein. Schließlich handelt es sich um Menschen, die einem nahestehen.