Masern-Schutz: Umdenken nach den Epidemien

Masern-Schutz: Umdenken nach den Epidemien

Kinderärzte beobachten eine höhere Impfbereitschaft. Die Stadt arbeitet mit alten Zahlen.

Wuppertal. Alles redet von der Schweinegrippe und diskutiert das Für und Wider von Impfungen. Dabei gibt es nach dem aktuell aufgelegten Familienbericht der Stadt schon bei den bestehenden Impfstandards Nachholbedarf. Defizitär nennt der Bericht des Gesundheitsamts den Impfstatus für Masern, Mumps und Röteln. Nur rund 75 Prozent der Kinder haben die empfohlenen zwei Rundum-Impfungen erhalten. Ziel ist eine sogenannte Durchimpfungsrate von 95 Prozent. Besonders bei der zweiten Masernimpfung gibt es laut Gesundheitsamt Defizite. Bemerkenswert: Besonders schlecht schneiden die Stadtteile Ronsdorf und Cronenberg ab. In Ronsdorf soll nicht einmal die Hälfte der Kinder gegen Masern geimpft sein.

Die Zahlen stehen zwar im aktuellsten Familienbericht, stammen aber aus dem Jahr 2006. In dem Jahr hielt eine Masern-Epidemie NRW in Atem und riss die ideologischen Gräben zwischen Impf-Befürwortern und -Gegnern auf. Vom Gesundheitsamt und bei Kinderärzten wurde massiv für Schutzimpfung geworben. Seit zwei Jahren gelten die von der Ständigen Impfkommission empfohlenen Schutzimpfungen als Pflichtleistungen der Kassen und werden bezahlt. Im vergangenen Jahr wurden 30000Schüler angeschrieben und aufgefordert, ihre Impfpässe zur Überprüfung mit in die Schule zu bringen.

Die wichtigste Überzeugungsarbeit leisten aber nach wie vor die Kinderärzte. Sie gelten als originäre Impfärzte mit dem aktuellsten Fachwissen. "Nach meiner Erfahrung ist die Impfrate inzwischen recht gut. Da hat sich viel getan", berichtet Dr. Ram Argov, Kinder- und Jugendarzt in Cronenberg.

Und für Ronsdorf sind die Zahlen nach Einschätzung von Kinderärztin Dr. Birgit Hay kaum mehr das Papier wert, auf dem sie stehen. "Die Impfquote beträgt in Ronsdorf bestimmt 90 Prozent. Vor acht Jahren gab es in dem Stadtteil eine hohe Zahl von Impfgegnern. Doch die Masern-Epidemien haben zu einem radikalen Umdenken geführt."

Statistisch belegen lässt sich das zumindest beim Gesundheitsamt nicht, denn nach Auskunft von Michaela Schönhärl-Mönks liegt - zumindest ihr - keine Auswertung der Kampagne von 2008 vor. Über die Gründe kann die Gesundheitsamt-Mitarbeiterin nichts sagen. Sie gehe jedoch ebenfalls davon aus, dass sich die Quote nach der Kampagne verbessert habe, die Lücken aber noch immer nicht geschlossen seien.

Skeptiker gibt es also nach wie vor. Zweifler, die Argov respektiert. Ihnen sagt er unter anderem: "Impfen ist die natürlichste Behandlung, die ich einem Körper zukommen lassen kann, weil ich dafür sorge, dass sich der Körper selbst gegen schwere Krankheiten zu wehren weiß."

Schwer sind die Erkrankungen durchaus. Die nach wie vor unterschätzten Masern schwächen das Immunssystem und können tödlich sein. Impfgegner hingegen argumentieren mit einem angeblich erhöhten Allergierisiko sowie der Gefahr von Atemwegserkrankungen.

"Entschiedene Gegner kommen ohnehin nicht zu uns. Von den übrigen Eltern gibt es nur wenige, die sich nicht überzeugen lassen", hat Argov beobachtet.

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