Martin Klebe, Chef der Arbeitsagentur: „Ich schaue nicht auf die Quote“

Martin Klebe, Chef der Arbeitsagentur: „Ich schaue nicht auf die Quote“

Martin Klebe, Chef der Arbeitsagentur, spricht über den Arbeitsmarkt.

Wuppertal. Seit Jahren weist Wuppertal eine Arbeitslosenquote auf, die deutlich über dem Landesschnitt und noch deutlicher über der für das Bundesgebiet liegt. Die WZ sprach mit Martin Klebe, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Solingen-Wuppertal, über die Entwicklung.

Herr Klebe, mit einer Arbeitslosenquote von 9,1 Prozent schneidet Wuppertal aktuell deutlich besser ab als vor einem Jahr, als die Quote noch 9,9 Prozent betrug. Wo landet die Stadt am Ende dieses Jahres?

Martin Klebe Auf die Quote schaue ich kaum noch drauf. Wenn das Jobcenter 1000 Menschen in eine Aktivierung eingliedern würde, dann würde der Wert unter 9 Prozent liegen, aber das hat dann mit der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt nichts mehr zu tun.

Sie spielen auf die Unterbeschäftigung an, die auch alle erfasst, die an Maßnahmen zur Arbeitsförderung teilnehmen und so lange nicht als arbeitslos gelten. Was unternimmt die Arbeitsagentur gegen Arbeitslosigkeit?

Klebe Unser Ansatz heißt Bildung, Bildung, Bildung. Wir versuchen Unternehmen dafür zu gewinnen, die Arbeitnehmer systematisch für die Weiterbildung zu interessieren. Unsere Initiative „Weiterbilden — Weiterkommen“ wird vom Deutschen Gewerkschaftsbund und dem Arbeitgeberverband unterstützt.

Bildung und Weiterbildung kosten Geld. Inwieweit sind die finanziellen Mittel vorhanden, um die Ideen umzusetzen?

Klebe Der finanzielle Rahmen ist völlig ausreichend. Es gibt keine Maßnahme, die an fehlendem Geld scheitern würde.

Die Stadt Wuppertal sucht händeringend Erzieher und Erzieherinnen, um neu gebaute oder noch zu bauende Kitas personell auszustatten. Wie erklären Sie sich, dass es für einen solchen Beruf zurzeit nicht genügend Interessenten gibt?

Klebe Wie bei vielen anderen Berufen liegt ein Imageproblem vor. Man darf nicht vergessen, dass die Rahmenbedingungen für Erzieherinnen erst in den letzten Jahren attraktiver geworden sind. Früher mussten sie ihre Ausbildung noch selbst bezahlen. Imageprobleme gibt es auch in der Gastronomie, Logistik oder der Pflege — neuerdings auch bei den Banken. Da sind die Arbeitgeber gefordert, das Image der Berufe zu verbessern. Hinzu kommt, dass viele Schüler zunächst auf die Berufskollegs wechseln, das führt zu Verzögerungen. 25 Jahre lang ist den Eltern zudem eingebläut worden, dass für die Berufslaufbahn nichts wichtiger ist als das Abitur. In Remscheid haben wir schon mehr Ausbildungsstellen als Bewerber. In Wuppertal liegt das Verhältnis bei zehn Bewerbern für sieben gemeldete Stellen.

Die Probleme der Arbeitnehmer 50 + und 55 + sind in der Flüchtlingskrise ein wenig aus dem Blickfeld geraten. Welche Perspektiven gibt es für sie?

Klebe Es gilt die Regel: Je besser die Qualifikation, desto weniger spielt das Alter eine Rolle. Wir vermitteln ältere Arbeitsuchende für zwei bis drei Tage oder eine Woche in ein Unternehmen. Lernen sie sich doch erst einmal kennen, lautet unser Angebot. Das ist ein erfolgreiches Instrument, denn die Wertschätzung des Alters in der Arbeitswelt nimmt wieder zu. In Wuppertal sind mehr als 1000 Arbeitnehmer beschäftigt, die älter als 65 Jahre sind.

Am 9. März wird in Wuppertal das Haus der Integration eröffnet. An der Friedrich-Engels-Allee werden 200 Mitarbeiter der Ausländerbehörde und des Jobcenters tätig sein, aber nur eine Mitarbeiterin der Arbeitsagentur. Wie kommt das?

Klebe Der Zugang der Geflüchteten in die Sozialsysteme ist weitgehend abgeschlossen. In allen drei bergischen Städten zusammen sind es weniger als 300 Flüchtlinge, die von der Arbeitsagentur betreut werden. Daher wird diese Stelle nicht jeden Tag besetzt sein. Grundsätzlich halte ich das Haus der Integration für eine sinnvolle Einrichtung.

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