Wuppertal: Martin Heuwold setzt bei der Graffiti-Krippe aus

Wuppertal : Martin Heuwold setzt bei der Graffiti-Krippe aus

Interview Nach zehn Jahren braucht der Künstler eine Auszeit von dem Projekt. Im Gespräch mit ihm und Pastoralreferent Werner Kleine geht es um die Gründe dafür und wie es mit der Aktion weiter gehen soll.

Zehn Jahre lang haben Werner Kleine und Martin Heuwold die Graffiti-Krippe auf dem Laurentius-Platz zusammen geprägt. Sie ist beiden ans Herz gewachsen, hat einen festen Platz für viele, die zu Weihnachten durchs Luisenviertel gehen. Jetzt zieht sich Heuwold zurück. Erst einmal für ein Jahr.

Herr Heuwold, Sie wollen dieses Jahr nicht mehr die Graffiti-Krippe gestalten. Warum?

Martin Heuwold: Das ist so. Ob das nur dieses Jahr ist, kann ich so noch gar nicht sagen. Aber nach den vergangenen zehn Jahren ist mir aufgefallen: Ich brauche mal so eine Art Sabbat-Jahr. Um zu mir zu kommen, neue Ideen zu entwickeln. Um zu sehen, stehe ich überhaupt noch dahinter.

Warum?

Heuwold: Die letzten zwei Jahre habe ich sehr viel Druck auf dem Platz gespürt. Damit kann ich umgehen. Aber da stelle ich mir die Frage, mache ich das noch aus freien Stücken oder mache ich das nur noch, weil es verlangt wird. Gehe ich nur noch zur Arbeit, um abzuliefern? Da muss ich für mich abklopfen, ob ich noch einmal neue Impulse reinbringen kann. Ich habe oft bewiesen, dass ich etwas mit der Sprühdose darstellen kann, so dass die Menschen etwas erkennen. Darüber bin ich hinaus. ich will mich mehr auf den Inhalt konzentrieren.

Herr Kleine, wie reagieren Sie darauf?

Werner Kleine: Martin hat mich angerufen, zu einem Zeitpunkt, an dem wir sonst nicht schon miteinander sprechen. Von daher war ich nicht überrascht. Ich finde sein Anliegen sehr legitim. Ich habe hohen Respekt vor der Entscheidung, und wie er sie kommuniziert hat. Aber das ist natürlich eine Zäsur.

Können Sie das nachvollziehen?

Kleine: Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Wir sind von der ersten bis zur zehnten Graffit-Krippe immer größer geworden, dabei erzählen wir immer die gleiche Geschichte: Jesus wird in Bethlehem geboren. Wir haben immer wieder versucht, eine neue Form der Erzählung zu finden, aber der Inhalt ist nicht variabel. Man kann nicht immer noch größer werden. Wenn man eine Sache immer größer macht, wird sie immer inhaltsleerer. Eigentlich waren wir uns schon im Januar einig, wir müssen wieder ganz klein werden. Dass er daraus eine Pause macht, ist also nur konsequent.
: Die letzten zehn Jahre habe ich Weihnachten immer die Graffiti-Krippe ganz oben auf der Liste gehabt, konnte mich eigentlich acht Wochen nicht von der Stelle bewegen. Vielleicht kann ich das jetzt aus einer anderen Perspektive sehen. Inspiration sammeln. Klar geht es auch ums Geld verdienen. Aber eben nicht nur. Es geht auch um den Inhalt. Und einen Standpunkt. Den muss man auch mal überdenken dürfen.

Haben Sie denn innerlich Abstand genommen von dem Projekt?

Heuwold: Nein, ich spinne ja auch schon rum, was wir anders machen können, vielleicht bleibender, vielleicht an anderen Orten.

Sabbatjahr, Impulssuche – sollte das in der Gesellschaft viel mehr Raum bekommen?

Kleine: Ich denke mal von mir aus: Ich muss permanent Content produzieren. Ich kenne den Druck. Und manchmal stehe ich da mit einer tollen Idee, aber völlig auf dem Schlauch. Es hilft, wenn ich mich eine halbe Stunde hinlege und die Gedanken einfach kreisen lassen. Der Moment der Muße ist notwendig. Wir sind wie Hamster im Rad. Aber wir laufen permanent, irgendwann laufen wir leer. Ich kenne das aus der Kirche: Das neue Testament ist ja sehr begrenzt, ich muss die Art und Weise, wie ich es erzähle, neu denken, um spannend zu bleiben. Deswegen ist der Schritt von Martin aller Ehren Wert.

Wollen Sie denn weitermachen?

Kleine: Wir wollen dieses Jahr weitermachen, die Wuppertaler warten darauf. Ich hätte sicher einen Sprüher aus dem Hut zaubern können. Ich habe eine Idee gehabt. Aber die Chemie muss ja auch stimmen. Da ist mir Annette Marks eingefallen. Mit ihr haben wir immer wieder kooperiert, sie hatte die Idee zur Talpassion, sie hat die Planen für Ostern, Pfingsten und Weihnachten gestaltet.

Heißt das dann auch Graffiti-Krippe?

Kleine: Streng genommen ist das keine Graffiti-Krippe. Wir werden etwas auf dem Laurentius-Platz haben, das live entsteht. Das war Bedingung. Die Graffiti-Krippe ist eine starke Marke, die wollen wir nicht ganz aufgeben. Aber Annette Marks kann nicht sprühen, die Kunstrichtung wird eine andere sein. Wir führen das Projekt in anderer Weise fort. Wir machen den Bruch dann komplett, damit Martin vielleicht irgendwann wieder einen Einstieg finden kann.

Sind Sie so damit einverstanden?

Heuwold: Ich sehe das kritisch. Damit wird eigentlich bestätigt, was mich stört: Die Erwartungshaltung, dass immer etwas kommen muss.

Kleine: Ich mache ja nicht weiter wie bisher. Aber für uns als Kirche ist das ein wichtiger Punkt, um mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Zudem hängen auch Fördermittel daran, die sonst vielleicht dauerhaft wegfallen, wenn wir sie nicht abrufen.

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