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Mallorca-Mord: „Das war kein Mensch mehr“

Mallorca-Mord: „Das war kein Mensch mehr“

Was eine junge Frau aus Berlin mit dem angeklagten Torsten T. erleben musste.

Wuppertal. Torsten T. sitzt oft mit Jacke auf der Anklagebank. Auch am Freitag war das wieder so. Der 43-Jährige sieht dann immer ein bisschen so aus, als wäre auf dem Sprung. Doch der Wuppertaler ist in U-Haft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm bekanntlich vor, im Sommer 2002 auf Mallorca den Tod der damals 15 Jahre alten Steffi R. aus Lüdenscheid verschuldet zu haben. T. schweigt dazu. Und so ist eine der meist gestellten Fragen an die Zeugen im Prozess, was dieser Torsten T.denn für ein Mensch ist.

Eine junge Frau aus Berlin hat das am eigenen Leib erfahren müssen. Sie hat "den Torsten" vor acht Jahren auf Mallorca kennengelernt. 18 war sie damals. T.stellte sich ihr vor: "Alle nennen mich Balu", sagte er zu ihr. Sie hielt sich dran. Balu schien wie der Bär aus Disneys Dschungelbuch zu sein - dick aber nett und harmlos. 2002 kam die junge Berlinerin nochmals nach Mallorca. Ihr damaliger Freund lebte dort mit Balu in einer Wohngemeinschaft. Davon, dass der Wuppertaler ihrem Freund Geld gegeben hatte, um die beiden beim Sex beobachten zu dürfen, hatte sie keine Ahnung.

Die junge Frau kehrte nach Deutschland zurück. Vom Tod der Steffi R., jenem Mädchen, bei dessen Familie Balu zuletzt in Arenal als Untermieter lebte, wusste sie nichts. Sie erfuhr lediglich, dass T. verhaftet worden war. Wegen diverser Betrügereien. Umso überraschter war die junge Frau, als Balu im Oktober 2002 in Berlin auftauchte. Sie kam gerade von der Berufsschule. Ein Auto wolle er ihr schenken. Einen roten Polo. Man müsse den Wagen allerdings abholen. Für eine arglose junge Frau sicherlich etwas Besonderes. Dennoch bestand sie darauf, ihre Eltern zu informieren. Torsten T. soll das nicht gewollt haben.

Man könne doch nachher vorbeifahren, der Mutter ein paar Blumen mitbringen. Wer soll da Verdacht schöpfen? Man fuhr los. Zwei Stunden ging’s durchs Berliner Umland. Schließlich landete man auf einem einsamen Parkplatz. Irgendwann nahm Torsten T. einen Elektro-Schocker in die Hand, griff die junge Berlinerin an. Die wehrte sich, schlug, trat, schrie und entkam.

Die Angst blieb. Denn erst viel später erfuhr das Opfer, dass T.auf Mallorca Steffi R. getötet haben soll. Der nächste Schock im Dezember 2004. T.wurde wegen der Elektroschocker-Attacke in Berlin vom Amtsgericht Wuppertal verurteilt. Damals kam er als freier Mann, saß mit seiner Jacke auf der Anklagebank und durfte wieder gehen. Hintergrund: Seinerzeit hatten die Ermittler in Sachen Mallorca-Mord nichts gegen ihn in der Hand.

Und die Tat in Berlin wurde "nur" als gefährliche Körperverletzung angeklagt. Am Ende gab’s Bewährung für Balu. Die junge Frau aus Berlin konnte es nicht fassen, war in Tränen aufgelöst. Warum wurde Torsten T. damals nicht wegen versuchten Totschlags oder Vergewaltigung angeklagt? Bis dato war Balu zwar als notorischer Kleinkrimineller aufgefallen, aber eben nie als Gewalttäter. Das sprach damals für Bewährung. Laut Oberstaatsanwalt Ralf Meyer hatte man einfach zu wenig in der Hand.

Das hat sich geändert. Die aktuelle Version der Ermittler: Nachdem der sexuell frustrierte Torsten T.Steffi R. getötet hatte, brachen bei dem bis dato nie als gewaltig aufgefallenen Wuppertaler alle Dämme. Es folgte die Attacke von Berlin. Sie dürfte von der Staatsanwaltschaft als eine Art rückwirkendes Indiz gegen den Angeklagten gewertet werden. Handfeste Beweise gegen Torsten T. gibt es jedenfalls nicht

Die Zeugin aus Berlin musste mit ihrem Balu-Trauma allein klar kommen. Auch Freitag kämpfte die Frau mit den Tränen, erinnerte sich an den stieren Blick des Wuppertalers: "Das war kein Mensch mehr." Mittlerweile arbeitet sie als Steuerfachangestellte. "Ich habe einen lieben Freund und eine liebe Familie", sagte sie.

Auf der Anklagebank schrieb Torsten T. mit und schwieg. Als er am Nachmittag zurück in seine Zelle in der JVA Simonshöfchen gebracht wurde , saß die Zeugin schon wieder im Zug nach Berlin.