Nur Boxen war ihm zu langweilig

Nur Boxen war ihm zu langweilig

Jan Otterbein holte mit 19 WM-Bronze im Muay Thai. Gerne würde der Tischler-Lehrling aus Cronenberg Profi werden.

Zwischen Tischlerei und Trainingshallen spielt sich momentan das Leben von Jan Otterbein ab. Gerade erst ist der 19-jährige Cronenberger zurück aus Mexiko, wo er bei den Weltmeisterschaften im Muay Thai Boxen die Bronzemedaille in der Gewichtsklasse bis 71 Kilo gewonnen hat. Der bisher größte Erfolg in der Karriere des jungen Kämpfers, der im Seniorenlager an seine Erfolge aus der Juniorenzeit anknüpfen kann. Auf den nächsten arbeitet er allerdings in der Schreinerei von Papa Daniel hin. „Jetzt muss ich intensiv an meinem Gesellenstück arbeiten, bis 29. Juni will ich die Vitrine abgeben“, berichtet Jan Otterbein. Deshalb wird er seinen nächsten Wettkampf eventuell erst ist Oktober (Fair-CF-Kampf-Gala) bestreiten, denn für eine Wettkampfvorbereitung braucht er sechs bis acht Wochen mit intensivem Training und am Ende auch „Abkochen“ — das heißt das Gewicht auf unter 71 Kilo drücken. „Momentan liege ich bei 80“, schätzt der 1,83 Meter große junge Mann mit der top-athletischen Figur.

Schreinerei und Kampfsport - das passt zusammen, findet der 19-Jährige. „Einerseits ist beides körperliche Arbeit, andererseits geht es aber auch in beidem um Präzision. Auch bei Treffern kommt es manchmal auf Millimeter an“, sagt Jan Otterbein, der in Mexiko zwei Kämpfe nach K.o. gewonnen hatte, ehe er im dritten gegen einen starken Russen nach Punkten verlor.

Bis zu seinem 15. Lebensjahr hat er übrigens beim Cronenberger SC Fußball gespielt, zusammen etwa mit Niklas Burkhard, der heute dort zur ersten Mannschaft gehört. Doch Jan Otterbein wollte damals lieber Boxen, schnupperte beim ASV herein und fand es dann etwas zu langweilig, nur mit den Fäusten auszuteilen.

„Ich bin dann auf das Ronsdorfer StudioFit & Fight von Ercan Sulanc aufmerksam geworden und haben Muay Thai entdeckt“, erinnert er sich. Bei dieser Form des Kickboxens sind zusätzlich noch Hiebe mit dem Ellenbogen erlaubt, und die Kämpfer dürfen auch in den Clinch gehen.

Papa Daniel war anfangs gar nicht so begeistert, doch seit er sah, dass es das war, was Jan wollte, unterstützte er ihn nach Kräften, sucht unter anderem nach Kampfgelegenheiten, bei denen es eventuell auch ein kleines Preisgeld gibt. „Ein anderer Arbeitgeber würde das sicher nicht so mitmachen“, sagt Jan Otterbein dazu, dass er in Vorbereitungsphasen dem Training mal Vorrang vor dem Job geben darf. Nach Mexiko zur WM hatte ihn der Papa für zwei Wochen begleitet. Auch der Sohn musste übrigens die Anreise selbst bezahlen.

Nur sechs Kämpfer insgesamt umfasste das deutsche Team, in dem Jan Otterbein als Deutscher Meister der Klasse bis 71 Kilo steht. Er war mit Abstand der Jüngste, auch seine Gegner waren alle älter. Das macht er mit seinen schnellen Schlagkombinationen wett. Das Talent hatte Ercan Sulanc einst auf Anhieb erkannt. Heute trainiert Jan Otterbein zwar auch noch oft bei ihm, zum Sparring und zum Techniktraining geht es aber zweimal die Woche nach auswärts, meist ins Bundesleistungszentrum nach Rommerskirchen.

Erst mal die Gesellenprüfung bestehen und dann möglicherweise eine Profikarriere starten, lauten die nächsten Ziele von Jan Otterbein. Die Teilnahme an den World Games 2021 wäre für ihn ein Traum. Und auch wenn Muay Thai, wie angedacht, 2024 olympisch werden sollte, hätte er noch ein optimales Alter.

Von größeren Verletzungen ist er verschont geblieben, zumal im Amateurbereich mit Ellenbogenschützern, Brustpanzer, Helm und Schienbeinschonern gekämpft wird. Mal ein Cut über dem Auge oder Prellungen sind aber nichts Ungewöhnliches. Seine Mutter hat noch keinen Kampf gesehen, lässt sich höchstens ein Video zeigen, wenn sie weiß, dass alles gut ausgegangen ist — und das war ja bisher so gut wie immer der Fall.

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