Ein Jahr nach dem Gewinn des Ehrenamtspreises Großer Stern in Gold

Sport mit Handicap : GäMSen bleiben eine große Familie

Die hochprämierte integrative Klettergruppe hat sich ihren Charakter bewahrt.

Fast ein Jahr ist es her, dass die „GäMSen“ der Sektion Wuppertal im Deutschen Alpenverein bisher ungewohnte Höhen erklommen. Am 24. Januar standen Peter Weigel, der die integrative Klettergruppe für unter anderem an Multiple Sklerose Erkrankten 2013 gegründet hatte, und weitere Vereinsvertreter in Berlin auf der Bühne und erhielten von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den „Großen Stern in Gold.“ Der Ehrenamtspreis des Bundesverbandes der Volksbanken Raiffeisenbanken und des Deutschen Olympischen Sportbundes war für die GäMSen neben bundesweiter Aufmerksamkeit mit einem Gesamtgeldpreis von 14 000 Euro verbunden.

„Unsere Vernetzung mit anderen Gruppen ist seitdem noch besser geworden, und wir erhalten auch immer mehr Anfragen, doch am familiären Zuschnitt unserer Gruppe hat sich nichts geändert, und das wollen wir auch nicht“, sagt Peter Weigel auf die Frage, ob und wie der Preis nachwirke. Das besondere Konzept, Familienmitglieder und Freunde als Kletterpartner und Helfer mit einzubeziehen, habe sich bewährt, ebenso wie der sehr persönliche Zuschnitt der Gruppe, die sich alle zwei Wochen in der Kletterhalle Wupperwände trifft und daneben noch weitere Freizeitaktivitäten gemeinsam plant.

Die Familie wird ins Klettererlebnis mit einbezogen

Den Slogan „mit dem Rollstuhl zum Fels“, mit dem man die Jury überzeugt hatte, war im vergangenen Jahr bei einer Sommerfahrt zum Klettern nach Nassenreith in Österreich wieder einmal in großem Stil umgesetzt worden. Mit 48 Personen waren so gut wie alle Gruppenmitglieder dabei. „Größer als 50 kann die Gruppe auch nicht werden, sonst würde sie ihren Charakter verlieren“, sagt Weigel. Sie bewege sich aktuell an ihrer Kapazitätsgrenze. Eine Alternative wäre höchstens, eine zweite Gruppe aufzumachen, was dann aber Kapazitätsprobleme mit der Halle geben könnte. Schließlich will jeder in den zwei, drei Stunden, für die man sich an jedem zweiten Samstag dort trifft, auch an die Wand.

Eindrucksvoll ist dann zu sehen, wie sich Betroffene, die gerade noch im Rollstuhl saßen, Griff für Griff und Schritt für Schritt die Senkrechte hocharbeiten. Immer gesichert durch Helfer, die mehr oder weniger Hilfestellung leisten. Da der Grad und die Ausprägung der Behinderung bei MS je nach Stadium sehr unterschiedlich sind, von Taubheitsgefühl über motorische Störung bis zur Lähmung, wird individuell geholfen. Manche schaffen es ganz allein, manche nutzen die Schlaufen an Hose oder Schuh, um den Fuß per Hand selbst auf den nächsten Tritt zu ziehen, bei wieder anderen führt der Helfer daneben die Bewegung, ist zur eigenen Entlastung auf einem Sitzbrett gesichert.

Eines ist bei beiden gleich, wenn sie oben angekommen sind - ob erkrankter Kletterer oder Helfer. Es ist der Stolz, die Herausforderung gemeistert zu haben und die Erfahrung auch teilen zu können. „Ganz ehrlich, ich hatte Tränen in den Augen“, beschreibt Kathi Gianni ihre Ergriffenheit, als sie bei der Sommertour in Österreich eine Wand mit ihrem Mann bezwungen hatte. Mit Anfang 30 gehört sie zu den Jüngeren in der Gruppe, ist seit sechs Jahren erkrankt, was sich bisher eher in Schmerzen statt in Bewegungseinschränkungen dokumentiert hatte. Doch plötzlich konnte sie kaum noch laufen, kämpfte sich bis zur Sommerfreizeit zurück.

Überhaupt sei es das, wovon alle über den Sport lernen könnten. Der Glaube an sich und den eigenen Körper über alle Schwierigkeiten hinweg. „Für mich müssten die Paralympics über den Olympischen Spielen für Nichtbehinderte stehen“, sagt Andreas Lohmann, GäMSen-Mitglied und derzeit auch kommissarischer Leiter der Wuppertaler DAV-Sektion. Die Dankbarkeit und Zuneigung, die er von den Betroffenen für seine Unterstützung erhalte, beeindruckten und motivierten ihn stets aufs Neue, neben seiner eigenen Kletterleidenschaft auch die der GäMSen“ zu unterstützen. Nicht erst seit der Auszeichnung mit dem großen Stern des Sports ist seine Stimme auch beim regelmäßigen Austausch mit anderen Handicap- und MS-Klettergruppen gefragt. Der Wuppertaler Weg ist beispielgebend.

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