Der Hundert-Kilometer-Mann

Chris Anger läuft weit über die Distanzen des Marathons hinaus. Warum, hat er der WZ erzählt.

Wuppertal. Der japanische Schriftsteller Haruki Murakami hat es schon getan, Musiker und Extremsportler Joey Kelly tut es immer wieder und auch der Wuppertaler Chris Anger läuft „Ultra“. Denn: „Irgendwann ist das Naturerlebnis einfach interessanter“, schildert er seine Motivation, Distanzen weit über die des Marathons hinaus zu laufen. 50, 70 oder auch mehr als 100 Kilometer reißt der 44-Jährige ab. Teilweise gilt es, dabei auch einige tausend Höhenmeter zu überwinden.

„Wenn du einmal in den Alpen gelaufen bist, wird das Laufen auf der Straße uninteressant“, berichtet Anger. Die Uhr und sich selbst zu besiegen, das war lange Zeit der Antrieb des Läufers vom Dönberg. Dabei war er bereits als Jugendlicher in Kontakt mit dem extremen Ausdauersport gekommen — in den USA während eines High-School-Jahres. „Mein Gastvater hatte am Ur-Vater der Ultra-Marathons teilgenommen“, erzählt er.

Der „Western States Endurance Run“ oder auch einfach „Western States 100“ wurde erstmals 1974 vom Amerikaner Gordon Ainsleigh erfolgreich absolviert. Der einst als Langdistanz-Pferderennen konzipierte Wettkampf startet seither jeden Juni im kalifornischen Squaw Valley.

Der 17-jährige Schüler aus Deutschland war beeindruckt, dass sein Gastvater 100 Meilen am Stück (161 Kilometer) gelaufen war. Anger selbst wandte sich dem Triathlon zu, nahm noch in den USA am ersten Wettkampf teil. „Genau wie der Laufsport war Triathlon noch nicht etabliert in Europa“, erinnert er sich. Anfang Zwanzig war dann Schluss mit dem Sport. „Ich habe damals in einigen Bands gespielt“, erklärt Anger.

Mit 27 Jahren packte ihn dann wieder das Lauffieber. „Wobei ich nach dem ersten Training schon total kaputt gewesen bin“, weiß er heute noch ganz genau. Nachdem Anger wieder im Rhythmus war, ging es vom Zehn-Kilometer-Lauf über den Halb-Marathon zum Marathon. Und irgendwann hatte der Sportschuh-Vertriebler all seine Ziele erreicht: „Laufen war beim Triathlon immer meine Lieblingsdisziplin gewesen — und dann hatte ich den Marathon unter zwei Stunden und 55 Minuten geschafft.“ Mehr ging nicht.

. . .und über den Moment nach dem Moment, wenn nichts mehr geht.

Neue Herausforderungen mussten her — und Chris Anger erinnerte sich wieder an seine Zeit in den USA. Seinen ersten Ultra absolvierte er ganz in der Nähe: Beim Röntgen-Lauf in Remscheid, 68 Kilometer nonstop. Sechs Stunden brauchte Anger für die Strecke. Es folgten Ultras in der Schweiz, Frankreich — oder auch der „Transalpin-Run“: acht Tage, 250 Kilometer durch vier Länder, Österreich, Deutschland, Schweiz und Italien. Der Reiz daran: „Wenn du an dem Punkt bist, an dem dein Körper keine Nährstoffe mehr aufnimmt, du denkst, gleich fällst du um — und wenn du dann zurückkommst, das ist wie eine Wiedergeburt.“

Am Samstag wird es bei ihm aber wohl nicht so extrem — für seine Verhältnisse. Dann steht bei Chris Anger der „Whew100“ auf dem Programm (siehe Kasten). Gemeinsam mit einem Bekannten will er als Staffel-Duo starten. „Ganz easy: Jeder läuft nur 50 Kilometer.“ Wenn es sonst nichts ist.