Interview: Das Schiedsrichteramt gibt Selbstvertrauen

Interview: Das Schiedsrichteramt gibt Selbstvertrauen

Wuppertals ranghöchster Schiedsrichter hört auf. Im Gespräch mit der WZ blickt er zurück und nach vorn.

Fast drei Jahrzehnte war Florian Kötter auf den Fußballplätzen des deutschen Fußballwestens unterwegs. Nun gibt Wuppertals ranghöchster und beliebter Schiedsrichter Pfeife und Fahne weiter.

Herr Kötter, warum hören Sie jetzt auf?

Florian Kötter: Ich höre ja nicht ganz auf — dafür ist das Hobby Schiedsrichter einfach zu schön und liegt mir am Herzen. Alles hat seine Zeit, und ich war viele Jahre auf hohem Amateurniveau tätig: 20 Jahre am Stück als Schiedsrichter in der Oberliga und rund zehn Jahre als Assistent in der Regionalliga — und war im Verband jetzt mit Abstand der Älteste. Auch wenn ich da noch gut mitgehalten habe, so ist jetzt doch eine neue Generation an den Pfeifen und den Fahnen und ich freue mich auf neue Aufgaben als Schiedsrichterbeobachter und —coach. Dabei möchte ich dann meine Erfahrung weitergeben und unterstützen. Und ab und zu pfeife ich bestimmt auch noch mal selbst ein Spiel in der Kreisliga, um den Schwung nicht zu verlieren.

Wie kam es dazu, dass das WSV-Spiel gegen Borussia Mönchengladbach ihr letztes gewesen ist?

Kötter: Das Spiel habe ich als letzten Auftritt auf höherer Ebene vom Verbandsschiedsrichterobmann Andreas Thiemann zugeteilt bekommen. Er hat etwas scherzhaft am Rande des diesjährigen Pokalendspiels in Essen, wo ich als Schiedsrichterassistent tätig war, gesagt, ich könne mich im Sommer noch „von meinen Wuppertaler Fans verabschieden“. Nun, ich weiß nicht, ob wir Schiedsrichter tatsächlich Fans haben, aber ich habe über all die Jahre so viele tolle Begegnungen — gerade auch hier im Wuppertaler Fußballleben — gehabt und viele interessante Leute kennengelernt, die es schon schade finden, dass ich abtrete. Es gibt aber vielleicht auch welche, die froh sind.

Wie war es, zu wissen: So, das ist mein letztes Spiel?

Kötter: Da ich mich selbst für diesen Weg entschieden habe und mich seit Beginn der vergangenen Saison langsam darauf vorbereiten konnte, war es nicht so schlimm. Und da es im Laufe der vergangenen Spielzeit somit ein paar „letzte Male“ gab konnte ich mich auch an das Gefühl des letzten Abpfiffs im Stadion am Zoo gewöhnen. Aber ein bisschen melancholisch war ich dann doch.

In den letzten 30 Jahren hat der Fußball sich enorm verändert. Gilt das auch für Fouls? Gibt es Moden des Foulspiels?

Kötter: Ich weiß nicht, ob es Moden des Foulspiels gibt, aber in jedem Fall ist der Fußball viel dynamischer geworden. Allerdings gibt es schon Unterschiede zwischen Fouls in der Kreisliga und Fouls in der Regionalliga — und damit auch in der Spielleitung und Bewertung von Spielvorgängen. Und das ist für einen Kreisligaschiedsrichter sicher nicht weniger anspruchsvoll — im Gegenteil.

Auch wenn sie für die Regionalliga (noch nicht) relevant ist, aber wie stehen Sie zur Torlinientechnologie?

Kötter: Die Torlinientechnologie hat sich bereits bewährt und ist, glaube ich, unumstritten. Schon schwieriger wird es beim so genannten Videoschiedsrichter, wo es nicht nur um „Ball drin oder nicht“ geht, sondern konkret in Spielvorgänge eingegriffen wird. Ich bin sicher, dass die deutschen Spitzenschiedsrichter für die kommende Bundesliga-Saison gut vorbereitet sind und bin gespannt, was die Praxis bringt. Vollkommen überzeugt bin ich allerdings noch nicht und bei allem Potenzial angesichts der eher negativen Beispiele etwa beim vergangenen Confed-Cup schon noch skeptisch, ob das dem Fußball nur guttut.

Hatten Sie schon einmal Angst während eines Spiels oder danach?

Kötter: Nein, glücklicherweise tatsächlich noch nie. Ich glaube auch, dass ich nicht so lange Schiedsrichter wäre, wenn mich Angst, ein Gefühl, das man ja nicht kontrollieren kann, in meiner Laufbahn begleitet hätte. Wenn man aufgrund der Umstände wirklich Angst haben muss, kann man nicht Schiedsrichter sein.

Warum haben Sie vor 30 Jahren angefangen, zu pfeifen?

Kötter: Ich bin damals als Jugendspieler bei der SSVg Velbert gefragt worden, ob ich Lust auf den Lehrgang habe. Schließlich muss jeder Verein Schiedsrichter melden. Ich war neugierig, habe schnell Spaß an der Sache gefunden und kann heute sagen, dass das eine wegweisende Entscheidung war. Schiedsrichter zu sein trägt so enorm zur Persönlichkeitsentwicklung bei, gibt Selbstvertrauen, Menschenkenntnis und bringt viele tolle Erlebnisse, dass ich nur für dieses Hobby werben kann. Und der tiefere Sinn: Ich habe meine Frau Pia, die in der Landesliga Schiedsrichterin ist, über unser Hobby kennengelernt und bin auch in dieser Hinsicht glücklich.

Gibt es Situationen, die sie als schlimm oder auch besonders schön erlebt haben?

Kötter: Etwas richtig Schlimmes habe ich in all den Jahren zum Glück nie erlebt — also zum Beispiel eine richtige Bedrohung oder eine Situation, in der ich hätte Angst haben müssen. Ich habe für mich immer festgelegt: wenn ich einmal tätlich angegriffen werden sollte, ist Schluss für mich als Schiedsrichter. Ich bin dankbar, dass ich das nie erleben musst und habe größten Respekt vor den Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern, die sich gerade im unteren Amateurbereich Woche für Wochen in einem offenbar zunehmend rauen Umfeld behaupten. Und die schönsten Momente: Man hat eine spannende Partie, in der es ordentlich zur Sache ging, gemeistert und nach dem Spiel ausgiebig mit Spielern, Offiziellen oder Zuschauern — gerne bei einer Bratwurst und einem Bier — gefachsimpelt und diskutiert. Den direkten Kontakt unter Sportlern, einen respektvollen Umgang und die gemeinsame Leidenschaft für den Fußball aus verschiedenen Perspektiven — das liebe ich.

Sind Sie denn selbst auch Fan einer Fußball-Mannschaft?

Kötter: Ja, wo die Liebe hinfällt: Ich bin treuer und krisenerprobter Anhänger des MSV Duisburg.

Können Sie eigentlich selbst Fußball spielen?

Kötter: Jetzt kommen die entlarvenden Fragen, oder? Ich genieße das Kicken mit meiner Hobbytruppe vom MTV Langenberg — aber das Können ist nicht annähernd so ausgeprägt wie die Leidenschaft für das Spiel

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