Projekt Literatur und Tanz in Wuppertal: Wandermensch oder Sofamensch?

Projekt der Schriftstellerin und Choreografin Judith Kuckart mit jungen Studenten und älteren Tänzerinnen und Tänzern.

 Im großen Foyer präsentierten die Darstellerinnen und Darsteller ihre Performance.

Im großen Foyer präsentierten die Darstellerinnen und Darsteller ihre Performance.

Foto: Andreas Fischer

In einem literarisch-tänzerischen Projekt der Schriftstellerin und Choreografin Judith Kuckart agierten am Wochenende junge Studenten zusammen mit älteren Tänzerinnen und Tänzern. Ihr Projekt über „Wandermenschen und Sofamenschen“ realisierten Kuckart und das Tanztheater „Skoronel reloaded“ in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Heine-Uni (HHU) Düsseldorf und der Universität Wuppertal.

Gut 80 Besucher füllten das zukünftige Pina Bausch Zentrum, in dem noch der Charakter des Schauspielhauses spürbar ist, der Verfall aber an vielen Ecken deutlich wird. Für ein „Forschungslabor“ mit mehreren Generationen eine passende Spielstätte zwischen Vergänglichkeit und Sehnsucht nach Zukunft. Die Besucher werden in zwei Gruppen geteilt. Die Tänzerin Sabina Stücker empfängt eine Gruppe an der Theke links im Foyer und erläutert Hintergründe zur Thematik der Wander- und Sofamenschen. Sie stellt Bücher und Zitate aus der ein Jahr währenden Arbeitsphase vor und zitiert aus dem „Papiertiger“, den Thomas Brasch Mitte der 1970er Jahre in der DDR schrieb: „… Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“

„Das passt gut zu unserem Thema“, erklärt Stücker. Die Besucher sollen auf einer Weltkarte Wohnort und Sehnsuchtsort mit Nädelchen markieren. Dann geht es zur Theke rechts. Dort ist Frank Herfeld vertieft in seine Kunst. Während er fertige Frottagen sortiert und weitere herstellt, empfängt er permanent Sprachnachrichten auf dem Mobiltelefon. In 20 kurzen Botschaften spricht der Tänzer Pau Aran, eindeutig ein Wandermensch, über Ziele, Orte, Auftritte und Reiserouten. Frank lauscht melancholisch, nachdenklich, traurig und arrangiert derweil Kunst und Zimmerpflanzen.

Dann beginnt die Performance im großen Foyer. „Wir waren beim Schreiben zu sechst“, sagen die Darsteller und erzählen aus ihrem „Fortsetzungsroman“, der sich durch das Stück zieht und dessen Kapitel immer mit den Worten „Jenseits der Wand beginnt ein anderes Leben“ anfangen. Es wechseln Texte und Bewegungen. Der erste Tanz ist eine Stuhl-Choreografie voller Anmut und Lebensfreude, Hilde Knef singt „In dieser Stadt …“, Erika Winkler – die älteste Tänzerin – zeigt ein bewegtes Solo. Die Biografien der jungen Menschen – Anfang 20 – und der älteren – über 60 – durchziehen die Performance.

Kuckarts Regieanweisungen lauteten: „Mein Leben in sieben Sätzen“ oder „Welche drei Dinge muss ich immer bei mir haben?“ Es gibt ein humorvolles Gespräch mit einem Sofa und Zitate von Robert Walser, der als großer Wanderer galt. „Unsere Lebensläufe sind die Häuser, aus deren Fenstern wir Menschen die Welt deuten“, wird Alexander Kluge zitiert und Thomas Bernhards Gedanken über Gehen, Denken und Sprache tauchen auf.

Junge und Alte stellen
sich Generationenfragen

In einem Germanistik-Seminar von Jasmin Grande hatten sich Studenten der HHU mit Romanen von Judith Kuckart befasst. Unter anderem mit ihrem ersten Buch „Wahl der Waffen“ von 1989 und „Café der Unsichtbaren“ von 2022, das sich mit Fragen nach Vergänglichkeit und Zukunft beschäftigt. Für Noah Dahm (20) stellt sich danach die Frage: „Wie stehen Bewegung und Sprache in einer direkten Verbindung?“ Durch die Funkenmariechen-Gruppe seiner Mutter tanzt er, seit er vier Jahre alt ist. Die nächste Choreografie wird zum Funkenmariechen-Tanz.

Immer wieder stellen die Jungen und die Alten einander Generationenfragen, und auch das Publikum wird befragt: „Wer weiß, wo er in zehn Jahren leben will?“ Katharina Kraus (21) war als Studentin der HHU an den Arbeitsphasen beteiligt. An den Aufführungen nimmt sie nicht teil, da sie jetzt in Frankreich studiert. Auf zwei Monitoren ist jedoch im Schwarzweißfilm zu sehen, wie sie durch Barmen läuft und Biografisches erzählt. Dann sitzt sie im Kino Lichtburg und singt ein Lied von Hans Dieter Hüsch.

Die anmutig agierende Anastasia Hamm (23) beschreibt sehr persönlich den Unterschied zwischen Heimweh und Fernweh, und Frida Stach (26) macht aus dem Vortrag von Kafkas sperrigem Text „Der plötzliche Spaziergang“ eine bewegte und unterhaltsame Performance. Mit großer Präsenz lassen sich alle Akteure beeindruckend intensiv auf das gemeinsame Erzählen mit Körper und Sprache ein.

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