Konzert: Levit spielt das Unspielbare

Konzert : Levit spielt das Unspielbare

Der 31-jährige Pianist begeisterte in der Stadthalle mit Beethovens Opus 106.

Ludwig van Beethovens Opus 106 zählt mit zu den schwierigsten Werken für Klavier solo in der Musikgeschichte. 1818 vollendet, wagte sich zunächst keiner an die damals als unspielbar eingestufte Komposition. Angeblich soll sie sein Schüler Carl Czerny um 1823/24 einmal gespielt haben. Aber erst 1836 wagte sich damit Franz Liszt an die Öffentlichkeit. Nach ihm machte sie Hans von Bülow hoffähig. Eigentlich wollte Maestro Maurizio Pollini dieses etwa 45-minütige Mammutwerk im Rahmen des Klavier-Festivals Ruhr aufführen. Doch der 76-Jährige musste krankheitsbedingt absagen. Für ihn sprang nun Igor Levit ein und brachte statt seiner diese Klaviersonate im gut besuchten Großen Saal der Stadthalle zu Gehör.

Es sind vier Sätze, die jedem Pianisten hinsichtlich Kondition, Technik und Bedeutung extrem viel abverlangen. Gerade der Finalsatz ist ein kontrapunktisches Meisterwerk. In der dreistimmigen Fuge vor der Coda variiert Beethoven komplex das Thema nach barocken Mustern: Vergrößerung, Umkehrung, Krebs (Rücklauf des Themas), Koppelung von Original und Umkehrung. Er schickt die Sonate durch viele Tonarten des Quintenzirkels. Das Changieren zwischen B-Dur und h-Moll bringt Reibungen. Er spielt mit dem Intervall der Terz. Seelische Abgründe tun sich gerade im dritten Satz auf. Von Bülow soll einmal gesagt haben, nachdem er sich 25 Jahre mit dem Stück beschäftigt hat, dass er es jetzt erst richtig spielen könne.

Die heutige junge Pianistengeneration verfügt über ein Höchstmaß an handwerklichem Können. Dazu gehört auch der 31-jährige Levit. Hochachtung, wie er selbst die halsbrecherischsten Passagen spielerisch leicht tadellos spielte. Dafür gab es zu Recht stehende Ovationen. Doch nicht immer hielt er sich an die Dynamikvorschriften. Zwar ließ er etwa den langsamen Satz hochsensibel im Nichts verklingen (morendo). Doch begann er fast übergangslos das sich anschließend quasi improvisatorisch notierte Largo des Schlussabschnitts genauso leise wie aus dem Nichts kommend, obwohl eindeutig statt eines dreifachen Pianos nur ein einfaches Piano notiert ist. Diese Sichtweise ist neu.

Auch die beiden anderen vorgetragenen Klaviersonaten kommen aus Beethovens Feder: die Nummern 8 in G-Dur (op. 13, „Pathétique“) und 10 in c-Moll (op. 14,2). Bei diesen Werken demonstrierte Levit ebenfalls ganz hohe Pianistenkunst.

Aber auch bei diesen beiden Programmpunkten gestaltete er manche Dynamikänderungen sehr extrem. Und mit dem Tempo des Grave am Anfang der „Pathétique“ ging er außerordentlich variabel um.

Die beiden Zugaben von Robert Schumann - „Kind im Einschlummern“ und aus seinen „Kinderszenen“ das Stück „Der Dichter spricht“ — ließ Levit nahtlos ineinander übergehen. Diese spezielle Haltung machte deutlich, dass sich der Pianist jenseits tradierter Aufführungspraxis ganz neue Gedanken über den musikalischen Gehalt macht, seinen roten Faden gefunden hat, sich dabei aber hin und wieder über eindeutig notierte Tempo- und Dynamikanweisungen hinwegsetzt.

Mehr von Westdeutsche Zeitung