Wuppertaler Auslese Neues Wuppertaler Sachbuch „Schule schwänzen“: Wenn Schule an Schülern scheitert

Wuppertal · Schule-Schwänzen hat viele Gründe und Gesichter. In den 90ern boomte die Arbeit mit schulverweigernden Jugendlichen. Im Jahr 1997 ist das Wuppertaler Projekt „w.hip spitzenklasse“ entstanden.

 Carola Weinhold und Gerd Holl haben im Interview von ihren Erfahrungen beim „w.hip spitzenklasse“-Projekt berichtet.

Carola Weinhold und Gerd Holl haben im Interview von ihren Erfahrungen beim „w.hip spitzenklasse“-Projekt berichtet.

Foto: Johanna Christoph

Damit sollte jugendlichen Schulschwänzern ein Wiedereinstieg in die Schule ermöglicht werden. Die mittlerweile pensionierten Lehrer Carola Weinhold und Gerd Holl haben 27 Jahre in diesem Projekt gearbeitet und ihre Erfahrungen in einem Buch aufgeschrieben. Im September 2023 ist es im Spica Verlag erschienen.

„Es war aufgefallen, dass sehr, sehr viele Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlassen haben und man wollte gegensteuern“, erzählt Carola Weinhold. Sie und Gerd Holl wurden für das Projekt angefragt. „Weil wir in der Hauptschule gearbeitet haben, war uns dieses Problem nicht fremd.“ Jugendliche hatten die Chance, in diesem Projekt den Hauptschulabschluss zu machen. Die Jugendlichen waren meist zwischen 15 und 17 Jahre alt. „Die meisten unserer Jugendlichen sind nie bis zur neunten Klasse gekommen, sondern sind wegen des Sitzenbleibens in der sechsten oder siebten Klasse hängen geblieben und hatten überhaupt keine Lust mehr, in die Schule zu gehen“, erzählt Gerd Holl. Bei der „w.hip spitzenklasse“ war das egal. Die Jugendlichen seien dort in die neunte Klasse aufgenommen worden.

Das Projekt war nicht in einer Schule angesiedelt, sondern in einem Jugendzentrum. „Einige Jugendliche haben gesagt: ‚Wenn ich schon den Schul-Geruch in der Nase habe, möchte ich wieder nach Hause gehen’. Also dieses Problem hatten wir gelöst“, erzählt Weinhold. So war es ein Team aus zwei Lehrern, zwei Sozialpädagogen und einer Werkanleiterin, das sich in der Spitze um 18 Jugendliche gekümmert hat. „Es war familiär, jeder und jede hatte einen Ansprechpartner, eine Ansprechpartnerin.“ Es wurde gemeinsam gekocht, gemeinsam gefrühstückt. Wem es nicht gut ging, der bekam eine Wärmflasche oder auch eine tröstende Umarmung. Und selbst wenn die Jugendlichen auch Türen knallend und wütend das Projekt verließen, wurden sie mit offenen Armen wiederaufgenommen, wenn sie zurückkehrten. Und in der Regel kamen die Jugendliche immer wieder.

„Es wird viel geschrieben, aber selten berichten die Menschen, die wirklich die Arbeit gemacht haben und die Jugendlichen, die in dieser Situation gesteckt haben. Wer aus einem alleinerziehenden Haushalt kommt, der erlebt es anders als jemand, der es von außen beschreibt. Deshalb haben wir uns viel Mühe gemacht, unsere Tagebücher auszugraben und Jugendliche wiederzufinden“, so Holl. So haben sie Ehemalige ausfindig machen und für das Buch interviewen können.

Wie etwa Nora, die mit der „spitzenklasse“ ihren Hauptschulabschluss geschafft hat. Heute studiert sie in Bielefeld Jura. Sie berichtet, wie sie, nach eigenen Aussagen, als frühreife Schülerin von der Realschule zur Hauptschule abgeschult worden ist. Und dort wollte sie aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr zum Unterricht kommen. Das Beispiel zeige etwa, wie „Schule an Schülern scheitert“, heißt es im Buch. Und wie sich eine Klassenstärke von 30 Schülern negativ auswirken kann. Lehrer können den vielen Schülern nicht gerecht werden. „Abweichende“ Schüler würden so ausgesondert.