Zum 70. Geburtstag von Wolf Erlbruch erscheint „Nachts“ in einer Sonderausgabe.

Buch: Von der Kraft der Fantasie

Zum 70. Geburtstag des Wuppertaler Illustrators und Autors Wolf Erlbruch erscheint „Nachts“ in einer Sonderausgabe.

Das Buch ist groß, gemessen 29 mal 35 Zentimeter. Das Buch holt etwas nach, was 1999, bei seiner viel gelobten, aber eben kleinformatigen ersten Auflage von so manchem Leser vermisst worden war. Zum 70. Geburtstag seines Schöpfers Wolf Erlbruch erscheint das berühmte Buch „Nachts“ als Sonderausgabe im Großformat. Was ihm sehr gut bekommt, besonders den Bildern, die schlichtweg beeindrucken.

Der Wuppertaler Wolf Erlbruch ist ein Meister der Illustration, die er vor allem Kinderbüchern zugute kommen lässt. Mit seinem kleinen Maulwurf, seinem Braunbär, seinen fürchterlichen Fünf sind ganze Kindergenerationen aufgewachsen, die wie ihre Eltern dem Charme der Bücher erlagen. Auch „Nachts“, das mit dem Kinder- und Jugendbuchpreis „Luchs“ des Jahres 1999 ausgezeichnet wurde, ist beredtes Beispiel seiner unnachahmlichen Bildersprache, seiner phantastischen Collagen, die er aus Zeichnungen, Papier- und Landkartenmaterial raffiniert montiert. Erlbruchs Kunstwerke beeindrucken durch dezenten Farb- und sparsamen Objekteinsatz, bringen auf den Punkt, sind zugleich mehrdeutig und offen für die Gedanken des Betrachters.

Am Beginn steht die dunkelgraue Skizze des kleinen Fons, der seinen schlafenden Vater an der Nase zieht, um ihn zu wecken, während schmal der Mond das Schwarz der Nacht durchschneidet. Ein Mond, der mit gelber Farbe oder durch Kartenmaterial gefüllt ist, der als locker geschwungener Hund oder schmale Sichel erscheint. Fons will in die verlockende Nacht hinaus, “aber allein traut er sich nicht. Papa muss mit. Aber Papa ist sehr verschlafen.“ Auftakt eines fantasievollen Spaziergangs durch die Nacht in ein Land, in dem Träume Gestalt annehmen - aufregend und spannend für alle, die, wie Fons, sehen wollen.

Mit einer zart beflügelten, roten Micky Maus, die am Himmel schwebt, einem riesigen Gorilla mit cooler Kappe auf dem Kopf, dessen Pranke nach Fons greift, einem mindestens ebenso großen, buntscheckigen Hund, der sich zur Brücke hinstreckt, und einer Alice, die, während sie durch einen von einem weißen Hasen gehaltenen Reifen springt, dem Jungen einen bunten Ball aus ihrem Wunderland zuwirft. Verzückt und staunend zugleich erlebt der kleine Fons, den Vater fest an der Hand, ein Abenteuer nach dem anderen. Er strahlt den Ball in seinen Händen an, reitet auf einem Eisbären, schaut einer behosten und Rollschuh fahrenden Tulpe hinterher. Wird immer wacher, saugt mit großen Augen auf, was um ihn und seinen Vater herum geschieht, während diesem all dies entgeht. „Man sieht die Hand vor den Augen nicht“, ist sein trockener Kommentar.

Für Fons Vater ist die Nacht zum Schlafen da und schlichtweg schwarz, allenfalls grau. Wie die Katzen in der Redensart. Dass Eltern und Kinder unterschiedliche Wahrnehmungen und Schlafbedürfnisse haben, ist bekannt, auch die unzähligen Konflikte, die daraus entstehen. Erlbruchs Erzählung geht damit spielerisch und mit leicht schrägem Humor um. Er verbindet seine exzellenten Fertigkeiten als Zeichner und Autor zu einer Bilderbuchgeschichte, in der der ignorante Vater gutmütig den ängstlichen Sohn durch die Nacht begleitet, die Augen müde und zum Schlitz geschlossen, Gedanken und Worte darauf gelenkt, den Sohn davon zu überzeugen, dass in der Nacht wirklich alle schlafen. Er beschwört, seine Botschaft ist reduziert, läuft als Spruchband unter den Zeichnungen mit. „Was willst du in der Nacht? Nachts wird geschlafen!“ So eindeutig die Aussage, so deutlich der Widerspruch zum Geschehen, jeder Gedanke, jede Silbe des Erwachsenen vergrößert den Abstand zu den Erlebnissen der Protagonisten: „Die Hasen schlafen, der Gemüsemann schläft, die Frösche schlafen, . . .“, zählt er auf. „Alle deine Freunde schlafen, und ich würde auch lieber weiter schlafen“, brummelt er. „Es ist einfach nur dunkel. Sonst nichts“, lautet das Fazit am Ende des nächtlichen Ausflugs.

Sonst nichts? Fons, Wolf Erlbruch und der Betrachter des Buches wissen es besser.

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