Wuppertals "Die Hochzeit des Figaro": Verworrenes Beziehungsgeflecht

Premiere im Opernhaus : Ein verworrenes Beziehungsgeflecht

Erotik und Verbrechen ziehen sich als roter Faden durch Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“. Das Stück feierte jetzt Premiere im Opernhaus.

Ein hübsch anzuschauendes Bühnenbild, aus dem ersichtlich ist, was wo los ist, gibt es nicht. Vorne an der Rampe befindet sich nur eine von Johannes Schütz geschaffene nichtssagende Wand, in der sich vier weiße Türen befinden, durch die die Akteure hereinkommen und wieder verschwinden. Auch die dem heutigen Zeitgeist entsprechenden Kostüme von Astrid Klein müssen mit dem Geschehen nicht unbedingt etwas zu tun haben. Natürlich ist der Zwirn der High Society um ein Vielfaches edler als der, der niederen Chargen.

Nichts lenkt also ab. Man kann sich voll und ganz auf die Personenführung und die Charaktere der Agierenden konzentrieren. Genau das ist die Absicht von Regisseur Joe Hill-Gibbins, der für die Inszenierung von Wolfgang Amadeus Mozarts „Le nozze di Figaro – Commedia per musica in quattro atti“ (kurz: Die Hochzeit des Figaro) verantwortlich zeichnet, die im Opernhaus zu erleben ist.

Keine Action-Oper, sondern
eine musikalische Komödie

„Sex and Crime“: Das ist es, was sich wie ein roter Faden durch das verflochtene Spektakel zieht. Aber nicht im Sinn von Action-Oper. Sie ist und bleibt in dieser Interpretation eine musikalische Komödie (Opera buffa). Auch wenn Graf Almaviva (eifersüchtig) eine Holzfälleraxt in die Hand nimmt, um damit die Tür zu zerdeppern, hinter der er Cherubino vermutet, wird nicht ernst gemacht.

Der Weiberheld hat sich übrigens längst aus dem Staub gemacht, indem sich er zur allgemeinen Belustigung hinter der hochgefahrenen Wand auf ein Sprungkissen hinabstürzt. Auch wird an Erotik nicht gespart, wenn etwa hinter den Türen ungeniert geknutscht wird. Laszive Tanzeinlagen tun ihr Übriges.

Hinzu kommt eine exzellente Personenführung, die das verworrene Beziehungsgeflecht voll zur Geltung kommen lässt. Es gibt keinen Stillstand, immer ist etwas los. Die Augen haben Spaß an dem ständigen Hin und Her. Das liegt vor allem an den Darstellern, die nur so vor Spielwitz sprühen.

Sebastian Campione schlüpft glaubhaft in die Rolle des Figaro. Seine Wut gegenüber dem Grafen und sein Spott über Cherubino sind echt. Nur ist sein Bass manchmal etwas kraftlos und in den ganz hohen wie tiefen Tonlagen nicht ganz ausgewogen. Ralitsa Ralinova mit ihrem in allen Lagen beweglichen Sopran und ihrem aufreizend-forschen Auftreten stellt eine überzeugende Susanna dar.

Simon Stricker ist der treulose Graf Almaviva und besticht mit einem sicheren, flexiblen Bariton. Anna Princeva übernimmt die Rolle seiner bemitleidenswerten Frau. Ihre Sopranstimme fesselte. Zurecht wurde sie nach ihrer Arie „Dove sono i bei momenti“ mit frenetischem Beifall überschüttet.

Zehn Minuten lang gibt
es begeisterten Beifall

Iris Marie Sojer mimt gekonnt den Schürzenjäger Cherubino. Dank ihres tragfähigen wie ausgeglichenen Mezzosoprans hebt sie außerdem gesanglich diese Charaktere plausibel hervor. Auch die anderen Solorollen und der Opernchor (Einstudierung: Markus Baisch) singen und spielen vortrefflich.

Hinzu kommt hörenswerte Musik aus dem Orchestergraben. Wirkt die Ouvertüre ein wenig gehetzt, da sie einen Tick zu schnell gespielt wird, glänzt ansonsten das Sinfonieorchester Wuppertal durch nuancierte, ebenmäßige Klänge. Generalmusikdirektorin Julia Jones sorgt für einen festen Zugriff, arbeitet die feinen musikalischen Strukturen klar heraus und achtet sorgsam auf für die Sänger angemessene Tempi. So kommt Mozarts inhaltsreicher mehrschichtiger Orchester- und Singstimmensatz, der unter anderem das Intrigengeflecht emotionalisiert, verständlich zum Ausdruck.

Nach dem letzten Ton im vollen Auditorium hielt es keinen mehr auf den Stühlen. Mehr als zehn Minuten dauern die begeisterten Premierenovationen, gerichtet an alle an der Produktion beteiligten Personen.

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