Wuppertaler Von der Heydt-Museum: Gerhard Finckh erklärt Kunstwerke

Wuppertaler Meisterwerke : Ein Ensemble wie auf einer Bühne

Der „Sitzende Mädchenakt mit Blumenvasen“ von Paula Modersohn-Becker ist zurzeit im Von der Heydt-Museum zu sehen.

Das Bild des sitzenden Mädchens ist eines der größten, das Paula Modersohn-Becker gemalt hat, und mit seinen 89 x 109 cm ein außergewöhnlich breites Querformat. Die Malerin hat hier aus einzelnen Elementen ein Ensemble komponiert, das sie uns wie auf einer Bühne darbietet: Mittig thront das Mädchen auf einem grünen Kissen, das eher ein flächig gemalter Hügel aus grüner Farbe ist. Die Blumen in den Vasen sind mit breiten schwarzen Strichen konturiert und nur wenig plastisch moduliert. In gleicher Weise stilisiert Paula Modersohn-Becker auch Gesicht und Körper des Mädchens, das die ganze Bildhöhe einnimmt, und mit dieser Größe und in dieser Reduktion äußerst monumental wirkt.

Seine gelbgoldene Haut strahlt förmlich vor dem tiefblauen Hintergrund und vermittelt lebendige Wärme inmitten der kostbar wirkenden, starken Farbigkeit der übrigen Bildelemente. Der rote Vorhang am linken Bildrand bildet die notwendige Ergänzung zum Dreiklang der Grundfarben.

Die Statik des Kinderakts und der fast starr wirkende Blick werden konterkariert von den Blumen, die auf dieser Bühne jeweils eine eigene Rolle zu spielen scheinen. Die langstieligen mit glockenartigen Blüten zur Linken und zur Rechten neigen sich in sanftem Bogen dem Kind zu und bilden so eine feierliche Umrahmung. Die Blumen in der Vase im Rücken des Kindes scheinen dessen Charakter zu entsprechen: schlicht und einfach. Die nelkenartigen roten Blüten auf dem Boden wirken üppig und voll und weisen aus dem Bild hinaus. Rätselhaft wirkt die dunkle Blume in der Hand des Kindes und ebenso die leere weiße Schale zu seinen Füßen.

Der einfache Haarkranz des Mädchens und ebenso die schwere blauweiße Kette sind Elemente, mit denen Paula Modersohn-Becker bereits die in Worpswede gemalten Kinder geadelt hat. In Paris waren es italienische Frauen und Kinder, die sich ihr als Modelle anboten. Ihr ging es unabhängig von Alter und Herkunft ihrer Modelle immer allein um den Menschen an sich.

In diesem Bild, das zurzeit in unserer Ausstellung „Paula Modersohn-Becker – Zwischen Worpswede und Paris“ zu sehen ist, verbindet sich in auffälliger Weise ihre Worpsweder Malart mit den neuen Einflüssen der französischen Malerei. 1906, mit dreißig Jahren, ging Paula Modersohn-Becker ein viertes Mal nach Paris, fest entschlossen dort zu bleiben, sich von ihrem Ehemann und auch von Worpswede zu trennen, um ganz für die Malerei zu leben. Sie geriet in einen wahren Malrausch, beschäftigte sich mit Aktmalerei, studierte die Malerei Gauguins und anderer französischer Maler, die ihre Bilder aus stark konturierten Farbflächen komponierten. Tief beeindruckt war sie sicherlich auch von der Art, wie der Maler Rousseau, den sie in seinem Atelier besuchte, die Natur in stilisierte Farbformen verwandelte.

Im Sommer 1907 schrieb sie an Bernhard Hoetger: „Ich möchte das Rauschende, Volle, Erregende der Farbe geben, das Mächtige.“ Auch wenn sie selbst nie mit sich zufrieden war, so kann man doch sagen: Mit diesem Bild hat sie erreicht, wonach sie strebte.

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