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Wuppertaler Sauer-Orgel: Wie ein gereifter Bordeaux

Kultur : Eine Orgel wie ein gereifter Bordeaux

Das Instrument in der Elberfelder Friedhofskirche beeindruckt durch Klang und Architektur.

In einer Zeit, in der Elberfeld die viertreichste Stadt des Deutschen Kaiserreichs war, wurde Wuppertals größter Kirchenraum gebaut: Die imposante Friedhofskirche an der Hochstraße, auch ‚Ölberg-Dom‘ genannt. Dort steht eine der bedeutendsten Orgeln Wuppertals: die Sauer-Orgel von 1898.

Die Friedhofskirche überstand den Zweiten Weltkrieg nahezu unzerstört, so dass Architektur und Ausstattung heute von Wohlstand, Mode und Baugeschichte der ausgehenden Gründerzeit zeugen. Auch die prächtige Orgel, die sich die Reformierte Gemeinde Elberfeld 1898 leistete, ist ein Kind ihrer Zeit und das modernste, was es damals im Orgelbau gab. Wilhelm Sauer (1831-1916) hatte 1857 in Frankfurt an der Oder eine eigene Orgelbauwerkstatt gegründet, die sich schnell zu einer der bedeutendsten im deutschsprachigen Raum entwickelte. Die Firma baute berühmte Orgeln für berühmte Gebäude, wie die im Berliner Dom oder in der Leipziger Thomaskirche. 1900 baute Sauer die große Orgel für die Stadthalle Elberfeld.

Nachdem Wilhelm Sauer den Orgelbau bei seinem Vater erlernt hatte, arbeitete er als Geselle in Paris bei Aristide Cavaillé-Coll, einem berühmten Orgelbauer und Akustiker, der als Meister des französisch-romantischen Orgelbaus gilt. Gemeinsam tüftelten beide an einem neuen Konzept. „Wie kann die Orgel moderner klingen? Wie kann sie dynamischer werden?“ lauteten die Fragen der Zeit. Ein Ziel war es, Klang und Dynamik dem eines Orchesters gleichzusetzen. Man experimentierte mit der Bauform der Pfeifen, um eine größere Klangvielfalt zu erreichen. Orgelpfeifen gleicher Tonhöhe wurden mal weiter, mal enger gestaltet. Neue Klangvariablen wurden ausprobiert. Neu war auch, dass Register nicht mehr gezogen, sondern gedrückt wurden. Die Orgel in der Friedhofskirche erhielt 12 Register im Hauptmanual, 10 im zweiten Manual und 8 im Pedal. Die Firma Schwelmer Orgelbau restaurierte die Orgel im Jahr 1980.

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Schimmelbefall machte eine umfassende Sanierung nötig

Eine weitere, umfangreichere Restaurierung erfolgte 1995 durch die Orgelmanufaktur Kreienbrink (Osnabrück). Massiver Schimmelbefall machte knapp 15 Jahre später eine umfassende Sanierung dringend nötig. Der Schimmelpilz bedrohte innenliegende Originalteile aus Eichenholz und Leder. Mitarbeiter der Orgelbauwerkstatt Karl Schuke aus Berlin, eingehüllt in Spezialkleidung, bauten das kostbare Instrument auseinander und setzten es wieder instand. Kantor Thorsten Pech durfte damals nur mit Mundschutz die Orgel spielen.

Ein Glücksfall war, dass der komplette ‚Kosten-Anschlag‘ von Wilhelm Sauer aus dem Jahr 1896 vorhanden ist. Auf 16 Seiten sind Disposition, Pfeifen, Register, Manuale, Pedal und das ‚Innenleben‘, die Technik der Orgel in Sütterlin-Handschrift aufgeführt. „Zusammen 10.036 Mark. Garantie 10 Jahre“, schrieb Wilhelm Sauer damals.

Mit Hilfe dieser Unterlagen konnte 2010 die Orgel nach historischem Vorbild restauriert werden. Man verwendete nur Original-Materialien wie beispielsweise die stabile Außenseite von Kuhhäuten. Bei den Arbeiten entdeckten Handwerker die alte Balganlage mit dem riesigen Blasebalg aus Kuhleder, der in früheren Jahren stillgelegt und dann vergessen worden war. Das beeindruckende Original wurde restauriert und wieder aktiviert, so dass die Orgel auch ganz ohne elektrische Luftzufuhr gespielt werden kann. Sogar die kleine Klingel, die der Kantor betätigt, damit die Kalkanten mit dem Treten beginnen, funktioniert.

Die Sauer-Orgel ist keine ‚Universalorgel‘ für jede Art von Musik. Die Anzahl der Tasten am historischen Spieltisch ist geringer als bei anderen Orgeln. Mit nur 27 statt 30-32 Tasten fehlen vor allem für moderne Werke ein paar Töne. Klassische Basis-Register sind vorhanden, aber wenn Kirchenmusiker Thorsten Pech Werke von J.S. Bach spielen möchte, muss er sehr viele Register drücken, bis es wie Barockmusik klingt. Dennoch wirkt die Musik behäbig und ist weniger ‚leichtfüßig‘. „Eine Barockorgel ist wie ein leichter frischer Weißwein, wie ein Federweißer. Diese Sauer-Orgel klingt wie ein gereifter, alter Bordeaux“, vergleicht Thorsten Pech.

Besonders gut eignet sich die Orgel für Werke aus der Zeit der Romantik, wie von Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809–1847) oder Max Reger (1873–1916).

Die große Bandbreite der Orgel wird deutlich, wenn Thorsten Pech seine eigene Komposition, eine Improvisation über Martin Luthers Kirchenlied „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“, spielt. Von zarten, fast ‚himmlischen‘ Klängen, bis zum Forte eines großen Orchesters kann die Orgel alles. Kraftvolle, strahlende Musik füllt den großen Kirchenraum. Die Orgel klingt dynamisch, bewegend, anrührend. Sie kann - in Luthers Lied - sogar wunderschön schreien.