Todestag: „Wuppertal war vor allem wichtig für Pina Bausch“

Todestag : „Wuppertal war vor allem wichtig für Pina Bausch“

Interview Nach dem plötzlichen Tod der berühmten Choreografin vor zehn Jahren gründete Salomon Bausch die Pina Bausch Foundation, eine Idee, die noch auf seine Mutter zurückging.

Er ist der Sohn einer berühmten Mutter, die weltweit bekannt und zugleich eng mit Wuppertal verbunden ist. Pina Bauschs plötzlicher Tod vor zehn Jahren erschütterte nicht nur die Welt des Tanzes. Er änderte auch den Lebensweg von Sohn Salomon Bausch. Er ist seitdem eng mit der Pina Bausch Foundation verbunden, die der 28-jährige studierte Jurist damals, statt anstehender Promotion, gründete. Weshalb er in diesem Jahr auch lieber an einen zehnten Geburtstag denkt, nach vorne blickt. Im Gespräch mit dieser Zeitung spricht Salomon Bausch über das Tanztheater, die Stiftung und verrät, was er an den Stücken seiner Mutter so schätzt.

Wie ist es, wenn man als Kind einer berühmten Mutter aufwächst?

Salomon Bausch: Das kann ich gar nicht beantworten. Ich kenne es ja nicht anders. Ich habe keinen Vergleich. Ich hatte ein ganz normales Leben.

Wollten Sie selber mal Tänzer werden?

Bausch: Nein.

Wie erinnern Sie den Tod Ihrer Mutter am 30. Juni 2009?

Bausch: Es war auf jeden Fall sehr überraschend. Für alle. Natürlich war das ein intensives und schmerzhaftes Erlebnis für mich.

War für Sie sofort klar, dass Sie Ihren Lebensweg ändern und den Wunsch Ihrer Mutter nach einer Stiftung für ihre Werke erfüllen würden?

Bausch: Ich habe mich schnell entschieden, die Stiftung zu gründen, weil das eine Idee war, die meine Mutter schon länger hatte, aber selbst nicht mehr in die Tat umsetzen konnte. Am 3. August 2009 habe ich die Stiftung gegründet, und wenige Tage später war sie schon im Register eingetragen. Das ging also sehr schnell. Aber das war erstmal nur eine Hülle, ohne Masterplan oder Strukturen. Es gab keine Räumlichkeiten, keine Mitarbeiter, keine Finanzierung. Es hat schon einige Jahre gedauert, das in einen richtigen Arbeitsmodus zu kriegen.

Fühlten Sie sich schon mal überfordert?

Bausch: Sicher. Aber ich bin froh, wenn ich einen Beitrag leisten kann, das in die Zukunft zu bringen. Das ist nicht einfach. Ich gucke ja von außen drauf, weil ich nicht Tänzer oder Choreograf bin. Ich versuche das als Vorteil zu nutzen, weil ich erst mal keine eigenen Interessen habe, sondern versuche zu moderieren, Leute zusammenzubringen.

Sie haben vor kurzem gesagt, die Zeit für Antworten sei noch nicht da, wohl aber für Fragen.

Bausch: Die Stiftung habe ich gegründet, weil es etwas geben muss, um das Werk von Pina Bausch auch in die ferne Zukunft zu tragen. Damals war überhaupt nicht klar, wie lange es das Tanztheater noch geben würde. Da hätte alles Mögliche passieren können. Jetzt, nach zehn Jahren, ist wirklich klar, dass wir nicht nur über die nächsten Jahre, die nächste Spielzeit nachdenken, sondern eine lang angelegte Strategie entwickeln: Wie man verantwortlich mit dem gesamten Repertoire umgehen kann. Das umfasst Stücke, die beim Tanztheater entstanden sind, aber auch Stücke oder Choreografien aus der Zeit davor. Wir müssen auch sehen, was das Tanztheater von den 46 Stücken tatsächlich pflegen kann und was nicht. Und wir müssen überlegen, was das für die anderen Stücke heißt. Wir müssen ausprobieren und sehen, wie es funktioniert. Gerade jetzt, wo noch so viele da sind, die ein großes Wissen haben.

Was hat die Stiftung bislang erreicht?

Bausch: Die Weitergabeprojekte an andere Compagnien (zum Beispiel an das Bayerische Staatsballett oder das English National Ballet) haben zu ganz vielen, teilweise unterschiedlichen Erfahrungen für alle Beteiligten und für uns als Institution geführt. Beim Archiv ist, wenn auch größtenteils versteckt, enorm viel passiert an Erschließung und auch an Erfahrung. Ohne Leitfaden, ohne das eine Referenzarchiv, an dem wir uns orientieren konnten. Das Archiv ist einzigartig, weil seine Thematik, das Stück, auf der Bühne entsteht und sich nicht archivieren lässt. Im Archiv sind nur Materialien aus der Entstehung und Spuren wie Videos, Fotos, Programmhefte, Kostüme. Es ist Basis für Aufführungen, ein Produktionsarchiv. Die Compagnie benutzt das Material, verändert es, es entsteht neues Material. Zum Beispiel die Kostüme, die im erweiterten Sinne ja auch Teil des Archivs sind. Ihr Zweck ist aber die Nutzung auf der Bühne – und das kann schon mal an die Substanz gehen. Da muss man überlegen, was man bewahren will, ob es immer das Originalrelikt sein muss.

Wie ist das, immer wieder Neuland betreten zu müssen?

Bausch: Spannend, das macht Spaß. Es ist herausfordernd, weil man immer um die Ecke, neu und interdisziplinär denken muss. Für unsere Institution gibt es auch keine Mitarbeiter von der Stange. Unsere Mitarbeiter haben auch ihre eigene Tätigkeit mitentwickelt. Da haben wir ein großes Wissen hergestellt. Vom Inhalt und von der Herangehensweise her.

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit dem Tanztheater?

Bausch: Das Tanztheater ist unser zentraler Partner für die Pflege der Stücke.

Wie haben Sie die Konflikte des letzten Jahres erlebt?

Bausch: Wenn es am Tanztheater nicht funktioniert, dann wirkt sich das auch auf uns aus. Das ist ganz klar.

Wie sehen Sie die Zusammenarbeit mit der Intendanz des Tanztheaters?

Bausch: Ich glaube, dass wir die großen Fragen am besten gemeinsam lösen können, und da freue ich mich drauf.

Wie wichtig ist heute Wuppertal für das Tanztheater und die Stiftung?

Bausch: Wuppertal war vor allem wichtig für Pina Bausch, das hat sie auch mehrfach gesagt. Hier, in einer normalen, einer „Alltags“-Stadt, konnte man sich auf die Arbeit fokussieren. In New York beispielsweise wäre die Compagnie zu abgelenkt gewesen. Es ist wunderbar, dass Pina Bausch hier Raum und Wertschätzung für den Tanz geschaffen hat, die er nicht überall hat. Sie hat sich gewünscht, dass das erhalten bleibt. Das ist etwas Besonderes. Es wäre schade, das aufzugeben.

Wie zuversichtlich sind Sie, was die Realisierung des Pina-Bausch-Zentrums angeht?

Bausch: Ich finde es großartig, dass der Rat sich für das Zentrum entschieden hat. Ich finde es richtig, dass die Stadt versucht, den Bund mit ins Boot zu holen, nicht nur für die Investitionskosten, sondern auch für den Betrieb. Für uns, die das Zentrum mit gründen und da mal einziehen möchten, wäre es natürlich schon gut, wenn das Zentrum möglichst früh fertiggestellt werden würde. Auch für die Zusammenarbeit mit dem Tanztheater wäre es goldwert, wenn wir an einem gemeinsamen Ort wären.

Welche Bedeutung hat für Sie das Jahr 2019?

Bausch: Die Spielzeit 2019/20 ist mit dem zehnten Geburtstag der Stiftung verbunden. Wir wollen keine großen Festivitäten und öffentlichen Zeremonien begehen, sondern nach vorne gucken, auf die nächsten zehn, 20, 30 Jahre. Wo wollen wir da hin? Wir wollen in einen wirklichen Austausch mit allen Akteuren kommen, auch Ehemaligen der Compagnie und allen anderen, die neugierig sind und Lust haben, an so einer Zukunftsvision mitzuwirken.

Haben Sie ein Lieblingsstück?

Bausch: Nein, das verändert sich, wie sich auch die Stücke verändern. Zum Beispiel bei „1980“: Ich fand es immer besonders, dass man den Geruch frischen Rasens wahrnahm, der auf der Bühne lag. Das habe ich geliebt. Das hat mir bei der Aufführung im Januar dieses Jahres gefehlt. Außerdem bestimmt alles, was man selber mitbringt, wie man ein Stück sieht. Das ist eine Riesenstärke der Stücke, dass sie so offen und nicht vereindeutlicht sind. So kann jeder immer wieder etwas Neues sehen. Es gibt nicht die eine Lesart, die man nachempfinden muss.

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