Wuppertal: Schauspieler auf der Suche nach „Else“

Theater : Schauspieler auf der Suche nach „Else“

Studierende der Folkwang-Uni bringen „Prinz Jussuf von Theben“ auf die Bühne.

Wenn Leben und Werk einer Lyrikerin in eine dramaturgische Fassung gebracht werden, dann kann sich das Publikum auf einen ungewöhnlichen Theaterabend einstellen. Auf Basis dieser Erwartung dürften die Besucher der szenischen Hommage an die jüdisch-deutsche Dichterin Else Lasker-Schüler am Freitagabend nicht überrascht gewesen sein, dass die Bühne im Theater am Engelsgarten wie ein Aufenthaltsraum für Workshop-Teilnehmer aussah und die dort präsentierte Handlung auch nicht den klassischen Abläufen eines Theaterstücks folgte.

Zehn Studentinnen und Studenten des dritten Schauspiel-Jahrgangs der Folkwang-Universität der Künste Essen/Bochum führten dort „Prinz Jussuf von Theben“ auf - eine Collage aus Gedichten, Texten und biographischen Einblicken in das Leben der berühmten Elberfelder Dichterin, deren 150. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird.

In einer Melange aus Schauspiel, Tanz, Musik und Performance näherten sich die Studenten unter der Regie von Kieran Joel der Künstlerin und Privatfrau Else Lasker-Schüler, ihren künstlerischen Ideen und Wandlungen an. Rollen und Szenen im klassischen Sinne gab es dabei nicht, eher „short cuts“, die sich mehr oder minder schlüssig aneinanderreihten und so einen Einblick in das vielseitige Werk von Lasker-Schüler ermöglichten. Das Mit-, Neben- und Übereinander von Stilen und Inhalten dürfte einer expressionistischen Dichterin wie ihr vermutlich gefallen haben.

Dass das Unterfangen nicht ganz einfach wird, machten neun der zehn Protagonisten gleich zu Anfang deutlich: Nadja Bruder, Carlotta Hein, Annelie Korn, Clara Schwinning, Rosalia Warnke, Calvin-Noel Auer, Leon Rüttinger, Pujan Sadri und Linus Scherz. Mit dem Szenenbuch in den Händen kamen - oder besser gesagt - stolperten sie auf die Bühne.

Immer wieder als andere
Person imaginiert

Dabei schrien sie laut und konnten die Kladden nur mit Mühe und Not auf den übergroßen Tisch befördern: Das Gewicht des künstlerischen und lyrischen Vorbildes war offenbar beträchtlich. Alsdann ging es - die Selbstreferenzialität lässt grüßen - in die Exegese der Texte und der Biographie von „Else“ sowie um die Frage: Wie bringt man das auf die Bühne?

Die Dichterin - oder das Bild, was wir uns von ihr machen - verkörperte derweil Fabian Hagen, der durch die Übernahme einer weiblichen Rolle die androgynen Rollenspiele der Dichterin aufgriff. Schließlich hatte sich Lasker-Schüler immer wieder als andere Personen imaginiert - die vielleicht bekannteste, Prinz Jussuf von Theben, gab dem Stück dann auch den Titel.

In der Collage bewegte sich „Else“ im Außenbereich der Schauspielertruppe, die sich wiederum auf die Suche nach der Autorin machte. Die Figur zeigte die Zerrissenheit zwischen bürgerlicher Existenz und künstlerischer Selbstverwirklichung in mitunter quälenden Szenen - etwa indem sie in eine Zwiebel biss und sie kaute, bis die Speise mitsamt Verdauungssekreten wieder hochkam, oder sie sich in einem Waschkübel beinahe ersoff.

Die Kommilitonen stellten derweil Begegnungen von Else Lasker-Schüler etwa mit ihrem Ehemann Berthold Lasker oder Gottfried Benn nach, zeichneten ein Sittengemälde von Künstlern, Sozialreformern und Revolutionären, die im „Café Größenwahn“ (alias „Café des Westens“) in Berlin aufeinander trafen.

Dabei wechselten die Sprechrollen zwischen den Protagonisten: Mal übernahm ein Chor mit mehreren Stimmen eine Rolle, dann wechselten die Sprecher sich darin ab, hin und wieder wurden auch gleich die Regieanweisungen mitgesprochen, dann wieder übernahm einer der Akteure einen längeren Monolog. Das einzige Zitat, das als Markenzeichen immer wiederkehrte, war die Selbstbeschreibung von Lasker-Schüler, die sich als Jussuf „Prince of Judah“ bezeichnete und darauf Wert legte, im Regierungsgebäude zu wohnen.

Das Publikum honorierte das mitunter etwas unübersichtliche Treiben mit viel Applaus, das unbekümmert-freche Spiel des Schauspielnachwuchses kam gut an. „Prinz Jussuf von Theben“ stammt von dem Folkwang-Professor Gerold Theobalt, der auch die Dramaturgie für das Stück übernommen hatte. Theobalt hat bereits zwei Stücke über Else Lasker-Schüler verfasst. Das aktuelle entstand im Auftrag der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft anlässlich des 150. Geburtstages der Dichterin.

Mit der Inszenierung war das Ensemble im September zu Besuch in Israel: In Tel Aviv und Jerusalem wurde die Collage in deutscher Fassung mit hebräischen Übertiteln aufgeführt.

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