Philipp Reemtsma ist der dritte Poetikdozent der Bergischen Uni Literatur und Soziologie idealtypisch verknüpft

Wuppertal · Der Literaturwissenschaftler und Soziologe kommt zu Vortrag und Vorlesungen zur Universität Wuppertal.

Christian Klein freut sich auf den Poetikdozenten des Sommersemsters  2024: Jan Philipp Reemtsma.

Christian Klein freut sich auf den Poetikdozenten des Sommersemsters 2024: Jan Philipp Reemtsma.

Foto: Andreas Fischer

Zusammengefasst in drei Worte war der zweite Durchgang ein voller Erfolg, sagt Christian Klein, meint die Vorlesungen, die Carolin Emcke im letzten Jahr an der Bergischen Universität gehalten hat. In wenigen Wochen (26. Juni) kommt ihr Nachfolger, kein Geringerer als Jan Philipp Reemtsma, der wie sie die Poetikdozentur im Sommersemester übernimmt. Auf Einladung von Christian Klein, der sich nicht nur auf den prominenten Dozenten freut, sondern auch auf ihn vorbereitet hat. Zusammen mit 40 Studierenden, mit denen er Texte des Autors bespricht.

Herr Klein, vor dem Blick nach vorn, geht der Blick zurück. Ihre Bilanz zur Poetikdozentur 2023.

Christian Klein: Es war großartig, Carolin Emcke hat eine andere Sicht aus der Praxis heraus auf das faktuale Erzählen eingebracht. Etwa die der Kriegsreporterin. Sie hat über viele Dinge gesprochen, die im Vorfeld des Erzählens eine Rolle spielen, bevor das entsteht, womit sich Narratologen wie wir uns dann wissenschaftlich auseinandersetzen. Und sie hat mit dem Klimadiskurs eine politische Grundsatzfrage in den Blick gerückt. Ihre Veröffentlichung, die nun dazu erschienen ist (siehe Kasten, Red.), belegt, dass wir im Rahmen der Poetikdozentur Themen mit großer Relevanz adressieren.

Gibt es auch organisatorische Schlussfolgerungen?

Klein: Ja, die dichtere Taktung der drei Veranstaltungen – die sich alle auch an die Stadtgesellschaft richten – aus einer Lesung am Anfang, einem Vortrag am Folgetag und einem weiteren eine Woche später, hat sich bewährt – auf diese Weise bleibt der Diskussionszusammenhang besser erhalten.

Wie sind Sie auf Jan Philipp Reemtsma gekommen?

Klein: : Ich wollte ihn von Anfang an einbinden, da er schon lange wichtige Themen diskutiert, die heute dringlicher denn je erscheinen. Er ist eine Art idealtypische Verbindung von Geistes- und Sozialwissenschaftler, von Literaturforscher und Soziologe. Er hat den gesellschaftlich informierten Blick auf die Literatur einerseits und betrachtet aus dem kulturellen Kontext heraus soziale und politische Phänomene andererseits. Dabei ist er ein eigenständiger, unabhängiger Intellektueller, der sich nicht groß um Denkkonventionen kümmert.

Wie äußert sich das?

Klein: Beim Besprechen seiner Texte im Seminar wurde deutlich, dass diese uns immer wieder überraschen, dass sie humorvoll sind, sich nicht an dem orientieren, was man gewohnt ist, was man vielleicht erwartet. Er provoziert gerne, was ja zum Mitdenken anregt, entwickelt seine Argumente dicht aus den Gegenwartsphänomenen heraus und bindet sie an Beispiele aus der Literatur zurück.

Apropos Studierende, wie ist die Resonanz?

Klein: Wir haben wieder 40 Studierende im Seminar, das ist fast schon zu viel. Die Studierenden sind alle sehr motiviert, zumal Jan Philipp Reemtsma ja auch persönlich vor Ort sein wird. Die Arbeit mit seinen Texten erleben sie als erfrischend, sie diskutieren viel. Die meisten werden wohl am Semesterende auch eine Arbeit darüber schreiben.

Hat Herr Reemtsma Einfluss auf das schon laufende Seminar genommen?

Klein: : Nein, er wollte nur wissen, welche Texte wir besprechen. Wir arbeiten mit „Im Keller“, dem autobiographischen Text über seine Entführung, wir lesen außerdem Teile aus Reemtsmas Wieland-Biographie und sein Buch über den Boxer Mohammad Ali sowie verschiedene Essays über Literatur, zu den Themen Gewalt, Vertrauen und Vertrauensverlust.

Gibt es einen roten Faden, durch den sie die Dozenten verbunden sehen?

Klein: Thematisch schon. Sowohl Marcel Beyer als auch Carolin Emcke als auch Jan Philipp Reemtsma beschäftigen sich mit Gewalt und Krieg. Vielleicht wird das auch die vierte Dozentin, Thea Dorn, 2025 fortsetzen. Immerhin hat sie als Krimiautorin angefangen. Reemtsma ist vielleicht der akademischste unter ihnen. Aber entscheidend ist für mich, dass sie die Möglichkeiten des faktualen Erzählens ausloten und sich mit gesellschaftlich relevanten Themen beschäftigen.

Wie hat Jan Philipp Reemtsma reagiert, als Sie ihn gefragt haben?

Klein: Sehr positiv, er fand die Einladung – soweit ich das sagen kann – sehr spannend. Für unsere Autoren, die im faktualen Erzählen unterwegs sind, ist die Poetikdozentur aber natürlich auch in gewisser Hinsicht herausfordernd. Sie sind es zwar gewohnt die eigene Arbeit zu reflektieren, selbstkritisch zu sein. Im Rahmen der Poetikdozentur erlauben sie aber gewissermaßen tiefe Einblicke in die eigene Werkstatt und das eigenen Selbstverständnis. Es übt allerdings wohl auch einen Reiz aus, das eigene Arbeiten, den eigenen Ansatz grundsätzlich zu hinterfragen, sich Gedanken darüber und über das faktuale Erzählen an sich zu machen – sonst würden die Eingeladenen ja nicht zusagen

Auf der Website zur Poetikdozentur steht das Reemtsma-Zitat „Wenn ich über Gewalt schreibe, dann verstehe ich das als einen kleinen Beitrag zum Prozess der Befriedung der Gesellschaft“.

Klein: Durch sein Sprechen und Schreiben wirkt Reemtsma daran mit, den kommunikativen Gehalt von Gewalt zu minimeren. Indem andere – Juristen vor Gericht, Überlebende in ihren Memoiren oder eben auch wissenschaftliche Autor*innen – über Gewalt sprechen, nehmen sie den Tätern die Deutungshoheit darüber. Die Gewalt ist dann nicht mehr Sache der Gewalttäter, sondern des Gerichts; nicht mehr die Gewalt spricht dann zu uns, sondern der, der sie überlebt hat. Für Reemtsma ist es zentral, dass wir uns im Diskurs über Gewalt für deren verschiedene Spielarten sensibilisieren, und auch offen darüber sprechen, wie Gewalt unser gesellschaftliches Miteinander unterminieren kann. Das zu ignorieren oder gar zu leugnen wäre fatal.

Wird er in Wuppertal ausschließlich über Gewalt sprechen?

Klein: Worüber er seine Vorträge halten wird, haben wir nicht festgelegt. Wir haben nur über die Textauswahl für die Lesung gesprochen und er hat gesagt , dass er nicht aus „Im Keller“ lesen wird, weil das aus seiner Sicht keine Vorlesebuch ist, was sicher jeder verstehen kann. Aber was seine Vorträge angeht, so hat er jeden inhaltlichen Spielraum, den er möchte. Das haben wir auch bei den bisherigen Dozierenden so gehalten und die Rückschau zeigt, dass das genau die richtige Entscheidung war.

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