Wuppertal: Die Inszenierung der Information

Ausstellung : Die Inszenierung der Information

Chris Deier und Gary Farelly spielen mit dem Reiz des Offiziellen.

Ordnung ist das halbe Leben. Die vielzitierte Überforderung im „Informationszeitalter“ ruft nach einem System, das Orientierung gibt. Die Ausstellung „Know your Place“ in der Galerie Grölle zeigt dazu eine multimediale Installation, man könnte auch sagen: eine Erlebniswelt, und sie lädt zur Reflexion ein.

Chris Dreier und Gary Farrelly spielen mit dem Reiz des Offiziellen: Sie nennen sich „Office for Joint Administrative Intelligence“. Wichtiger Teil ihres Projekts ist am 26. und 27. Oktober ein Treffen, das ebenso ernsthaft „European Conference of Institutional Ideators“ heißt und gleichgesinnte „Ideengeber“ zusammenbringen will.

Und seriöser Plan spricht auch aus der Aufbereitung der freilich eigenwillig gewählten Informationen in der Galerie. So erlaubt eine Art Lesesaal die respektvolle Einsicht in vier Aktenordner. Der „Saal“ selbst ist übrigens ein Beitrag des Kollektivs Parasite 2.0, das hier in den letzten Tagen aus grau gestrichenen Holzbrettern das Setting baute - gebührend kühl und sachlich trist.

Und an Sachen, Sachverhalten fehlt es nicht - so in den dickleibigen Ordnern, die man alle erwerben kann wie so ziemlich alles heute (sogar die Tassen, aus denen bei der Vernissage Kaffee getrunken wird). Da gibt es Tabellen, Formulare und Auflistungen, zum Beispiel eine „Heroes List“ mit modernen Helden von Whistleblowerin Chelsea Manning bis „Miss Marple“ Margaret Rutherford. Unbestechlich in ihrer Gliederung dann eine eigens eingesprochene Schallplatte, von der Farrelly bei der Vernissage eine Sammlung urbaner Begriffe von A bis Z vorspielt; außerdem ist auch eine Liste von Diktatorengattinnen darauf.

Ein Stadtplan einer Stadt,
die noch keiner gebaut hat

In Vitrinen Exponate, deren Entstehung man schon selbst Performance nennen möchte: Farrelly und Dreier schreiben einander seit Jahren Karten, zwischen ein- und zweitausend sollen es inzwischen sein. Aus diesem Fundus entschieden sie sich heute für Motive rund um Attentate und Verschwörungstheorien. Sehr speziell - aber sehr korrekt präsentiert: akkurat, transparent, unter Glas.

Auf Begriffe wie „Ironie“ oder „Persiflage“ lässt sich das Künstlerduo nicht ein. „Verschwörungstheorie - das ist ein Begriff, um Abweichendes zu diskreditieren“, sagt Chris Dreier. Und Bürokratie? „Sie kann auch sinnvoll sein.“ Was genau die Schau dann will, muss man sich selbst suchen, und warum auch nicht: Kunst muss sich nicht erklären.

Variationen zum modernen Informations-Überfluss scheinen also ein Aspekt. Ein anderer: Neu angeordnet bilden Einzelfakten Welten, die so nicht existieren, aber existieren könnten. Ein Bildschirm zeigt in Endlosschleife Aufnahmen aus Fußgängertunneln – auch der Tunnel Alter Markt ist dabei. An der Wand hängt ein Stadtplan voller Wege plus Gebäude, bloß die Stadt hat bisher keiner gebaut. Die Straßen sind nach Menschen benannt, die jemand für relevant hielt. Die Relevanz kann schrecklich sein wie bei der „Bin Laden Road“. Doch auch Helden aus besagter Ordner-Liste bekommen ihre Straße.

Unterm Strich: Eine Systematik ist zu bestaunen bis 1. Dezember an der Friedrich-Ebert-Straße 143e - streng oder schräg oder beides zugleich.

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