Wuppertal - Der Humor von Else Lasker-Schüler

Serie : Der Humor von Else Lasker-Schüler

2019 wäre Wuppertals berühmte Tochter 150 geworden. Die WZ widmet ihr eine Serie.

„Wer knuspert so spät durch Nacht und Wind? Es ist ein Puffer in Tantchens Spind.“ Das Zitat stammt aus der „Ulkiade“ vom Kartoffelpuffer. Verfasserin ist Else Lasker-Schüler. Sie war und ist keine Olympierin und entrückt wie Goethe. Sondern handfest. Gesegnet mit einer gehörigen Portion Humor. Was in den vielen Biografien über sie kaum erwähnt wird. „In all den Jahren, die ich lebe, ist mir eines ganz gewiss geworden: Ich kann keinen Bohnenkaffee vertragen.“

Wer weiß schon, dass von ihr Scherzverse stammen wie diese: „Die Leber ist von einem Hecht / Und nicht von der Sardine. / Der schönste Fisch war Engelbrecht – Der trocknet auf der Düne. / Die Leber ist von einem Hecht, / Dess‘ Leben war nicht zähe. / Er reimte gut, er reimte schlecht / Und starb an der Trochäe.“
Ihren Humor hat sie vom witzigen Vater Aron. Sie reimte vom „Rosenpopöchen“ oder über den Schupfen:

Ich trage meinen Schnupfen heute noch mit Würde,/„Und klage nicht das launige Sommerwetter an./Ich finde, „klagen“, irgendwie absürde,/Wenn man noch eben etwas schnaufen kann./Nähm ein Verleger mir nur meine Bürde,Die ungedruckt an meinen Ästen hängt./Die vielen Verse werden erst zur Zierde,/Wenn ein Verlag sich druckreif danach drängt./Gedichte, die ich in den letzten Jahren schmierte,/Prosa hellrosa, cetera, was liegt daran -/In die ich en passant die Welt einschnürte,/Beweise lieferte, daß ich was kann./Und erst was können könnt, postwendend postrestant./Was drängt Ihr euch zu lindern meinen Schnupfen,/Als wären wir beinahe blutsverwandt./- Am Abend führ ich in mein Nasenloch den Wattetupfen -/Vorher - in Glyzerin getaucht und - schnarche dann.

Augenzwinkernd behauptete sie, mit fünf Jahren ihr erstes Buch geschrieben zu haben. Wahr jedoch ist ihre Liebe zum Kino und Film, wie ihr Kintopp-Gedicht zeigt:

„Komm mit mir in das Cinema,/Dort findet man, was einmal war:/Die Liebe!/Liegt meine Hand in deiner Hand
Ganz übermannt im Dunkel/Trompetet wo ein Elefant/Urplötzlich aus dem Dschungel/Und schnappt nach uns aus heißem Sand/Auf seiner Filmenseide/Ein Krokodilweib, hirnverbrannt,/Dann – küssen wir uns beide.“

Als 1997/98 in Berlin Schöneberg die nach dem Antisemiten und Hitler-Fan August von Mackensen benannte Straße umgewidmet werden soll auf ELS, da kochen die Emotionen der verärgerten Anwohner. Bis Angela Winkler das oben erwähnte Reibekuchen-Gedicht rezitiert. Die zuvor so wütenden Leute lachen, nehmen nun in Kauf, dass sie alle Dokumente ändern müssen wegen der „Else-Lasker-Schüler-Straße“. Und alles wegen einer lustigen Ballade, in der es heißt: „In Köln, Ohligs, Düsseldorf, Neuß, Hamm, Dortmund, Coblenz, Neu­wied wirkt das Nationalgericht geradezu elektrisch. Namentlich im Wuppertal, wo des Reibepfannekuchens Pfanne stand und in Elberfeld-Barmen die Butter der Welt erblickte. Ursprünglich wurde er in reiner Butter gebraten; heute noch ganz ohne Butter im ärmsten Viertel der Wupperstädte nicht. Das half and half hingegen, beleidigt die Zunge des Wuppertaler Feinschmeckers.“

Als sie einst in Jerusalem in der Synagoge Pralinen aus laut knisterndem Papier wickelte und genüsslich verspeiste, während ringsum die andächtigen Juden immer empörter reagierten und schließlich um Stille baten, antworte sie: „Stören Sie meine Andacht nicht.“ So kommunizierte sie humorvoll mit Gott selbst dann, wenn sie ernsthaft dichtete:

Im Anfang (Weltscherzo)/Hing an einer goldnen Lenzwolke,/Als die Welt noch Kind war/Und Gott noch junger Vater war./Schaukelte hei/Auf dem Ätherei.

Und meine Wollhärchen flitterten ringelrei./Neckte den wackelnden Mondgroßpapa,/Naschte Goldstaub der Sonnenmama,/In den Himmel sperrte ich Satan ein,/Und Gott in die rauchende Hölle.

Die drohten mit ihrem größten Finger/Und haben „klumbumm, klumbumm“ gemacht,/Und es sausten die Peitschenwinde;/Doch Gott hat nachher zwei Donner gelacht/Mit dem Teufel über meine Todsünde.

Würde 10 000 Erdglück geben./Noch einmal so gottgeboren zu leben,/So gottgeborgen, so offenbar.
Ja, ja,/Als ich noch Gottes Schlingel war!

Mehr von Westdeutsche Zeitung