Wuppertal: Appell zum Nachdenken über Wahrheiten und Menschsein

Ausstellung : Appell zum Nachdenken über Wahrheiten und Menschsein

Die Galerie Kunstkomplex widmet dem belgischen Künstler Acher Reinbold eine Einzelausstellung.

Die Botschaft ist knapp und kurz: „Capitalisme est Cannibalisme“ (Kapitalismus ist Kannibalismus) ist in schwarz-weißen Versalien auf das bunte Bild geschrieben. Das zeigt eine schwarze Mickey Mouse, ihr großer Kopf steckt auf einem strichmännchenartigen Körper. Ihre flossenartigen Füße stehen auf einem Berg aus weißen Totenschädeln, deren Augenhöhlen rosa leuchten. Die Ähnlichkeit von Schädel und Maus-Kopf ist groß und gewollt. Die Kritik offensichtlich. Der belgische Künstler Acher Reinbold hat das Bild geschaffen, es ist eines der Arbeiten, die er bis zum 10. Januar in der Galerie Kunstkomplex ausstellt. Nach einer ersten Solo- und sieben Gruppenausstellungen.

2012 hatte die Wuppertaler Galeristin Nicole Bardohl den Künstler zufällig in Liège kennengelernt, damals seine Vertretung übernommen. Der 1978 in Louvière geborene Acher Reinbold hat ein Studium der Bildenden Künste am Institut Supérieur des Beaux Art Saint Luc in Liège absolviert, lebt und arbeitet seither in der belgischen Stadt. Er setzt sich in seinen Arbeiten mit den großen Themen der Welt auseinander, prangert dabei gerne die Reiz- und Informationsüberflutung der Gesellschaft an, die dazu führt, dass die Realität zum Produkt wird, die Menschen gegenüber Nachrichten abstumpfen.

Themen, die er mit hintergründigem Humor und grobem Strich in grellbunte, collagenartige Bilder überträgt, die sich Stück für Stück erschließen, so dass der erste, ansprechende Eindruck rasch der Bedrückung weicht. „Mir gefällt vor allem seine sozialkritische Botschaft“, die er zudem ästhetisch ansprechend vermittle, erzählt Bardohl.

Der erste Eindruck weicht
rasch der Bedrückung

Acher Reinbold, das waren vor einigen Jahren kleine Bilder, auf denen sich unterernährte, nackte Kinder Dollarscheine in den Mund stopfen oder eine Patrone den Kopf eines sitzenden Menschen ersetzt. Die feinen wie plakativen Foto-Collagen ziehen den Blick auf sich, lösen Beklemmung aus. Eine andere Technik wendete er bei einem Bild an, das einen auf dem Boden liegenden Mann zeigt, auf dem ein Soldat kniet; beide sind von roten Spielzeugpfeilen mit Saugspitzen getroffen. Das sogenannte Pochoir Stencil-Werk – die Methode ist in der Graffiti-Kunst und Street-Art zuhause – entstand mit einer Schablone, schwarzer Sprühfarbe und Wachsmalkreide.

Die aktuelle Ausstellung dominieren neuere Arbeiten: Fünf 1,25 mal 1,25 Meter große und das dreieckige Bild „Atomium“ sowie 16 kleine Formate. Reinbold habe sich konsequent weiterentwickelt, arbeite zwar immer noch mit Collagen und Farbe, aber mehr mit dem Stift, schreibe in seine Bilder, erklärt Bardohl.

Ein dabei wiederkehrendes Thema ist das der Ausbeutung, das den Belgier auch an die ehemalige Kolonie Kongo denken lässt, die nicht erst seit Smartphone-Zeiten wegen ihrer Rohstoffe begehrt ist. Dabei, so Bardohl, sehe er sowohl eine Ausbeutung der Menschen in dem afrikanischen Staat als auch eine „von uns selbst, um uns unseren Handy-Luxus leisten zu können“. Und seine Mickey Mouse stellt Acher Reinbold vor einen rotgrünen Hintergrund, der an die kongolesischen Nationalfarben erinnert.

Die US-amerikanische Flagge mit ihren Streifen und Sternen erhebt sich aus einem Meer unzähliger, kleiner Totenschädel, die wiederum aus großen, goldenen Dollarzeichen erwachsen. Acher arbeitet mit Collagen – die Totenschädel sind ausgeschnitten und aufgeklebt –, Sprühfarbe und Ölpastell. Blattgold drückt seine Kapitalismuskritik aus. Über die eindeutige Bildkomposition legt er die Sätze (übersetzt) „Lasst uns Achtung für uns selbst haben, keine narzistische, sondern existentielle. Wir sind nicht das Fleisch für die Arbeit.“ Ein Appell, der zur Auseinandersetzung, zum Nachdenken über Werte, Wahrheiten und Menschsein anregt.

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