„Wie kann ich Menschen erreichen?“

„Wie kann ich Menschen erreichen?“

Die Kantorei Barmen-Gemarke geht in die Festsaison zu ihrem 70-jährigen Bestehen — ein Blick zurück auf die trotzigen Anfänge und ein Ausblick auf Wege in die Zukunft.

Wuppertal. Die Kantorei Barmen-Gemarke ist seit langem ein Chor mit hoher Reputation, doch ihre Anfänge vor 70 Jahren wurden in der puritanischen Gemeinde Oberbarmen nicht gerade bejubelt. 1945 wird Helmut Kahlhöfer zum Organisten der Immanuelskirche berufen, auch mit dem Hintergedanken, das musikalische Niveau im reformierten Gottesdienst anzuheben. Das missfällt strenggläubigen Gemeindemitgliedern, auch im „Reformierten Gesangverein“ beißt Kahlhöfer mit seinen musikalischen Ambitionen auf Granit.

Foto: Kantorei

Also gründet er im Oktober 1946 ein eigenes „Chörchen“, das am 21. Dezember 1946 seinen ersten Auftritt in der ungeheizten Immanuelskirche hat. Es geht familiär zu: Die Mitglieder sind überwiegend Studenten und junge Leute aus dem Umfeld der Fabrikantenfamilie Halstenbach, bei der Kahlhöfer wohnt. Geprobt wird im Gärtnerhaus.

Obwohl Kahlhöfer mit der Kantorei Barmen-Gemarke bald erfolgreich auftritt und oft für die Morgenandachten im WDR engagiert wird, muss er in der Gemeinde für sein Repertoire kämpfen. Umstritten sind etwa Werke der katholischen Kirchenmusik wie von Mozart. Bei Nichtgefallen des Programms kann das Presbyterium ablehnen, dass der Chor im nächsten Gottesdienst singt. Heute ist die Kantorei fest im kulturellen Leben der Stadt etabliert, seit 1993 leitet Wolfgang Kläsener den Chor.

Herr Kläsener, wie feiern Sie mit der Kantorei Barmen-Gemarke den runden Geburtstag?

Wolfgang Kläsener: Wir gehen in die Tiefe und nicht in die Breite. Das heißt, wir stocken das Programm nicht auf, denn unsere sechs Konzerte und zehn Gottesdienste im Jahr sind schon ein gewaltiges Pensum. Stattdessen schauen wir, was für die Zukunft passt. Denn das ist die faszinierendste Aufgabe mit einem Chor: Wie kann ich die Menschen erreichen?

Für diese Ziel sind Sie in den vergangenen Jahren ungewöhnliche Wege gegangen.

Kläsener: Das betrifft in der Tat nicht nur die Liturgie. Wir hatten ja auch schon die Konzerte mit dem Instrumentalverein, mit Procul Harum und Jethro Tull . All das geht weit über das hinaus, was sich Helmut Kahlhöfer hätte vorstellen können.

Wie wichtig sind Ihnen Projekte wie das ökumenische Weihnachtsoratorium in sechs Konzerten und mit sechs Chören zum Jahreswechsel 2015/16?

Kläsener: Das Interkonfessionelle beschäftigt uns immer mehr. Ich halte es für wenig sinnvoll, wenn jede Konfession nur auf ihre Eigenarten bedacht ist. Ist es nicht besser zu sehen, was die Religionen zum Weltfrieden beitragen können? In unserem zweiten Konzert im Oktober werden Sie ein Stück von Alexander Gretschaninow hören - ein Neuerer aus der Ostkirche. Das wird ein toller interkultureller Brückenschlag.

Wie hat sich die Mitgliederzahl entwickelt?

Kläsener: Ende der 80er Jahre hatten wir 100 Sänger, heute sind es 50 bis 60. Jeder Chor dieser Art hat heute seine Fluktuation. Es ist auch nicht leicht, neue Sänger zu finden, denen unser Profil zusagt: Wir stehen für die Verbindung von hoher musikalischer Qualität mit geistlichen Texten. Interessierte können auch für einzelne Konzerte bei uns einsteigen.

Wie ist die Kantorei institutionell verankert?

Kläsener: Seit 1984 ist die Kantorei — wie die Immanuelskirche — ein eingetragener Verein. Sie wird aber weiter vom Kirchenkreis Wuppertal unterstützt. Dennoch muss sie sich zu einem wesentlichen Anteil aus Mitgliedsbeiträgen und Eintrittsgeldern finanzieren. Für jedes Konzert müssen wir aber Sponsoren finden — erfreulicherweise gibt es in Wuppertal eine Struktur des Wohlwollens. Letztlich ist die Kantorei ein Teil der freien Szene.

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