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Wie das Schauspiel trotz Lockdowns den Wuppertalern vorliest

Besondere Lesungen : Weihnachtsgeschichten auf Anruf

Wie das Schauspiel trotz Lockdowns den Wuppertalern vorliest.

Nichts geht, wenn die digitale Technik nicht mitspielt. Ganz besonders in diesem, von der Pandemie dominierten Jahr. Und deshalb beginnt eine Weihnachtslesung, die als Zoom-Meeting ins Johanniterstift  kommt, mit einer technischen Überprüfung: „Sind beide Räume zugeschaltet, hören mich auch alle?“, fragt Thomas Braus, Intendant des Schauspiels Wuppertal, bevor er in die vorweihnachtliche Welt entführen kann.

Im ersten Lockdown hatten sie noch auf Geisterpremieren gesetzt  und dabei deutlich vor Augen geführt bekommen, wie sehr ihnen das Publikum fehlt. Im zweiten Lockdown mit seinen fehlenden Perspektiven und seinem Entscheidungswirrwarr verfolgt das Team von  Thomas Braus deshalb stärker die digitale Schiene. Dort stellt es zusammen mit den anderen Sparten der Wuppertaler Bühnen einen Adventskalender für Kinder ein. Das Schauspiel macht hier mit Szenenvideos auf seine fertige Produktion „Robin Hood“ aufmerksam. Das Familienstück wird ab Weihnachten zudem  im Stream zu sehen sein (siehe Kasten). Außerdem bietet es einen märchenhaften Adventskalender an, bei dem Ensemblemitglieder  jeden Tag aus Hans Christian Andersens Märchen „Die Schneekönigin“ vorlesen - eine Kooperation mit der WZ Wuppertal, auf  deren  YouTube-Kanal  die Lesungen verfolgt werden können. All das mache viel Spaß,  ersetze aber kein Liveerlebnis, stellt Braus fest.

Da man in der kalten Jahreszeit schlecht mit dem Lastwagen durch die Stadt fahren und so das Schauspiel zu den Menschen bringen könne wie im ersten Lochkdown,  besinnt sich das Schauspiel  eines altmodischen und zugleich modernen Kommunikationsmittels: des Telefons. Ideal für die vor allem älteren Menschen, die zwar über Fernsehen und Telefon verfügen, nicht aber über Computer und Internetanschluss. Mal finden sich mehrere Menschen zum Lesungsanruf zusammen, manchmal kommt aber auch wieder die digitale Technik zum Einsatz, wenn man einander sehen und größere Gruppen zur Lesung zuschalten will. „Wir erreichen einzelne und mehrere, junge und alte Menschen“, erklärt Braus.

Zuhör- und Redebedürfnis
werden bedient

Und so heißt es in diesem Dezember auf Anruf Vorlesen. Jeden Tag bis zum 22. Dezember zwischen 16 und 18 Uhr lesen die Mitglieder des Schauspielensembles gratis Weihnachtsgeschichten vor. 20 Minuten lang, was meist für zwei kurze und eine ganz kurze Geschichte reicht. Außerdem komme man auch ins Gespräch, weil man ja wissen wolle, für wen man lese, und weil umgekehrt das eine oder andere Redebedürfnis bestehe.  Die Nachfrage sei sehr groß, freut sich Braus, der schon für 24 Freundinnen vorgelesen hat, die  über Zoom zusammenkamen, oder aus seiner Heimat im Schwarzwald kontaktiert wurde. Ihm selbst  bereitet das Format, das irgendwie auch seine traditionelle Weihnachtslesung in der Citykirche ersetzen muss, zunehmend Freude. Und er verspricht, alle Anfragen unterzubringen, vielleicht auch über die Weihnachtstage hinaus.

In zwei Aufenthaltsräumen des Seniorenhauses in Vohwinkel sitzen 13 meist weibliche  Zuhörer an diesem Nachmittag. Zwischen ihnen wuseln die Pflegerinnen, die Mundnasenschutz und Nikolausmütze tragen. Konzentriert lauschen alle dem, was Braus zu sagen und vorzulesen hat. Sie winken mit den Händen als Zeichen der Zustimmung. Das Mikrofon ist (diesmal) ausgeschaltet. Ihr Vorleser hat heute gleich zwei Geschichten mitgebracht, die für kleine Menschen geschrieben wurden und für große Menschen gleichermaßen unterhaltsam sind. Margret Rettichs „Der Baum“ macht den Anfang.  Die  lustige Baumschmückaktion mit Hindernissen und (natürlich) gutem Ende  lädt zum Schmunzeln ein. Danach erlebt ein Sechsjähriger die magischen Kräfte  des Weihnachtsmannes in Paul Maars Geschichte „Der doppelte Weihnachtsmann“. Als Zugabe liest Braus noch George Taboris „Ein Weihnachtsschmaus“ über die längste und beste „Kurzgeschichte, die je gegessen“ wurde.

Danach endet die kurzweilige Entführung in die Weihnachtswelt und Braus verabschiedet sich mit der Hoffnung, dass man sich bald wieder wirklich sehen könne. Er schaltet sich aus dem Zoom-Meeting aus. Die Coronarealität ist wieder da.