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Wer glaubt an stabile Formen?

Wer glaubt an stabile Formen?

Axel Lieber stellt in der Hengesbach Gallery seine jüngsten Werke aus: witzig und ziemlich irritierend.

Wuppertal. Das Objekt ist eine Weltkarte, so viel ist sicher — aber trotzdem macht sie den Betrachter unsicher. Denn die Weltkarte in der Version des Bildhauers Axel Lieber ist mit unterschiedlich dicken schwarzen Filzstiften übermalt. Darauf verteilt sind runde Aussparungen, darin kann man Städtenamen lesen. Doch liegt Berlin tatsächlich nördlicher als London?, wundern sich manche Besucher. Das tut es natürlich, es fällt sonst nur nicht so auf.

In weite Ferne entrückt wie das Weltall wirkt die Erde durch die schwarze Grundierung und die hellen Punkte. Axel Lieber irritiert in aller Leichtigkeit die gewohnte Orientierung: Wo ist jetzt was? „Er unterläuft unseren Glauben an stabile Formen, indem er sie in neuartige Prozesse oder Kontexte einbindet“, sagt der Galerist Rolf Hengesbach, der gerade die zehnte gemeinsame Ausstellung zeigt: „Seine Arbeiten sind immer wieder sehr überraschend.“

Das gilt auch für „Silent Movie“: Eine handelsübliche Papiertragetasche, innen schwarz und außen weiß mit einigen ausgeschnittenen Pupillen-Paaren: „Obwohl ich etwas weggenommen habe, wird die Tüte voll“, sagt Lieber. „Denn die Leute gucken genau rein. Plötzlich wird das ein sozialer Raum — es passiert viel durchs Wegnehmen.“ Man schaut, man staunt und freut sich über den klugen Witz in der Umsetzung.

Frappierend funktioniert dieses Prinzip auch bei seiner großartigen Kapuzen-Skulptur „Private Architektur (Dude)“. Drei Monate hat Lieber experimentiert, bis er die aufrechte Struktur gefunden hatte. Nun sind die Kapuzen noch da, vom restlichen Shirt nur die Säume, die wie ein Glockenklöppel nach unten hängen. Mit Seilen sind Turnschuhe daran befestigt.

„Hier wird etwas eingehüllt und zugleich freigelegt“, sagt Rolf Hengesbach. Man erkennt das Objekt noch als etwas Wärmendes, obwohl das Wärmende gar nicht mehr da ist. Selbstverständlich mussten es zwei sein: „Kapuzen-Kutten trägt man nicht allein.“

Zur Entdeckungsreise wird die Arbeit „Drawing a Universe (Tin Tins Reise zum Mond)”. Axel Lieber hat aus zwei Bänden der Comic-Reihe „Tim und Struppi“ ein 64-teiliges Objekt geschaffen — so viele Seiten hat der Band. Jede Seite ist schwarz übertüncht - es mussten antiquarische Ausgaben aus einer bestimmten Zeit sein, deren Papier die Filzstifte verträgt. Wie bei der Weltkarte hat er mit runden Architektur-Schablonen „Gucklöcher“ gelassen, die aus den scheinbaren Tiefen des Alls immer wieder neue erstaunliche Geschichten erzählen. Sein Galerist resümiert: .„Er verflüssigt unsere Erstarrungen, unser Festklammern an Faktisches.“