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Wenn die Wuppertaler Sinfoniker sich als schlechte Kurkapelle ausgeben

Konzert : Sinfoniker als schlechte Kurkapelle

Die Werke von Paul Hindemith haben es faustdick hinter den Ohren.

Das Sinfonieorchester Wuppertal ist wohl zu einer billigen Kurkapelle verkommen. Diese Schlussfolgerung darf erlaubt sein, wenn vier seiner Streicher mit einem „Nachtfrost“ im Hirn auf die Bühne des Mendelssohn Saals der Stadthalle kommen. Einer kann sogar noch nicht einmal vernünftig geradeaus gehen, muss in Zeitlupe die paar Treppenstufen erklimmen. Lustlos werden die Instrumente ausgepackt: na ja, wenn’s denn sein muss. Dann fangen die auch noch an zu spielen – und wie: fast nur falsche Töne. Also wirklich, das geht aber gar nicht. Trotzdem: Das zweite städtische Kammerkonzert konnte sich hören und sehen lassen.

Wieso? Ganz einfach. Es ging schlicht und einfach um den Spaß an der Musik. Die drei Herren und die eine Dame waren nämlich gar nicht neben der Spur. Sie spielten und inszenierten einfach nur Musik von Paul Hindemith, die es faustdick hinter den Ohren hat. Das eine Stück heißt „Ouvertüre zum Fliegenden Holländer, wie sie eine schlechte Kurkapelle morgens um 7 am Brunnen vom Blatt spielt“. Eine Erklärung erübrigt sich.

Dann gab es noch eine sechsteilige Nummer von ihm nach der Pause mit dem Titel „Minimax“. Hier ging der Klamauk weiter, als es etwa um „Armeemarsch 606“, „Löwenzähnchen am Baches Rand“ oder „Die beiden lustigen Mistfinken“ ging. Manche Lachmuskeln der Besucher waren während dieser Darbietung selbstverständlich auch nicht untätig.

Außerdem kommen Erwin Schulhoffs fünf Stücke für Streichquartett nicht ohne Schalk im Nacken aus. Der Walzer kann als ein ironischer Seitenhieb auf Wien verstanden werden. Oder es kommt eine „verhinderte“ Serenade vor. Schwungvoll, intensiv und dicht wurden diese Nummern aufgeführt.

Schauspielintendant Thomas Braus machte Schabernack

Damit aber nicht genug. Denn Wuppertals Schauspielintendant Thomas Braus hatte überhaupt keine Probleme damit, zwischendurch den Schabernack mitzumachen. Hübsche, zum Schmunzeln anregende kleine Anekdoten und Gedichte aus den Federn von Kurt Tucholsky („Ein Ehepaar erzählt einen Witz“), Christian Morgenstern (darunter „Der Werwolf“, „Das Große Lalula“), Arno Holz (eins seiner Liebesgedichte) und Kurt Schwitters („An Anna Blume“) hatte er sich ausgesucht. Ganz große Kurzweil war angesagt, da er während seiner Vorträge glaubhaft in die Charaktere der jeweiligen, teils verschrobenen Personen schlüpfte.

Aber Primarius Liviu Neagu-Gruber, Axel Heß (2. Geige), Jens Brockmann (Bratsche) und Cellistin Hyeonwoo Park konnten auch anders, nämlich hochanständig und seriös sein. Denn den vielschichtigen emotionalen Gehalt (etwa Tragik, ergreifender Schmerz, Sehnsucht, Heiterkeit), der dem einzigen Streichquartett von Fritz Kreisler innewohnt, vermittelten die vier städtischen Sinfoniker packend und hochmusikalisch.

Das Programm mit Musik aus den 1920er Jahren kam dementsprechend richtig gut an. Der nicht enden wollende Schlussapplaus war beredtes Zeugnis dafür.