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Porträt: Was wäre ein Bildhauer ohne Material?

Porträt : Was wäre ein Bildhauer ohne Material?

Sir Tony Cragg bestritt die aktuelle Folge der Reihe „Portrait“ der Evangelischen Kirchengemeinde Küllenhahn.

Er vermisse das Wetter, das Essen und vor allem den Humor, sagt Anthony Cragg verschmitzt, erklärt, dass er unlängst ein Buch mit deutschen Witzen „lesen sollte“, die er einfach nicht verstand. Der Bildhauer und britische Wahl-Wuppertaler, der im Angesicht des nahen Brexit auch die deutsche Staatsbürgerschaft erworben hat, bescherte den Küllenhahnern einen interessanten Freitagabend im evangelischen Gemeindehaus. 90 informative und unterhaltsame Minuten, die den Künstler und den Menschen Cragg sowie den britischen Humor auf charmante Art und Weise näher brachten.

Auf der Nesselbergstraße herrschte Parkchaos, im Gemeindehaus Stühlenot. „Ist denn schon Weihnachten?“, begrüßte ein erfreuter Martin Fleuß die zahlreichen Besucher, bevor er mit Martin Probach durch die fünfte Veranstaltung der im letzten Jahr begonnenen Portrait-Reihe führte. In deren Zentrum stand einer der bedeutendsten Bildhauer der Gegenwart, der Wuppertaler Bürger Tony Cragg, der 1949 als Sohn eines Luftfahrtingenieurs in Liverpool geboren wurde, 1977 ins Tal kam und blieb.

Sein Weg zur Kunst war kein direkter, er führte über das schon in der Kindheit gelegte Interesse an der Natur und langweilige Zeiten als 18/19-Jähriger im Labor, „wo nur alte Männer waren, während 1968/69 draußen viel passierte“, zum Malen. Er studierte am Gloucestershire College, besuchte die Malklasse der Wimbledon School of Art und kam 1973 an das Royal College of Art in London, „ein irrsinniges Glück“, das er vor allem für den Besuch des Nationalmuseums genutzt habe. „Ich habe mein Studium im Museum verbracht, nicht in Seminaren.“ Ein Professor schickte ihn ins französische Metz, wo er mit der französischen Lebensweise fremdelte. Er lernte seine erste Frau kennen, die aus Wuppertal kam.

Wie er Kunst definiere, will der Jurist Fleuß wissen und was er mit der Aussage gemeint habe, „leidenschaftlicher Materialist“ zu sein. Um Definitionen von Kunst kümmere er sich nicht, wehrt Cragg ab, sein Zitat rühre wohl daher, dass er Material großartig finde, „wir alle Material sind, das menschliche Hirn das komplizierteste Material“ sei. „Ich bin Bildhauer, was wäre ich ohne Material“, lächelt er, ergänzt, dass seine Aufgabe darin bestehe, Material zu studieren, es zu verstehen. Ein Lieblingsmaterial, nach dem Probach fragt, hat der Künstler nicht und unternimmt einen kleinen Exkurs in die Kunstgeschichte. Die Bildhauerei habe sich einerseits von der Figürlichkeit weg entwickelt und andererseits durch die Industrialisierung viele neue Materialien erschlossen und in Kunst verwandelt. Aktuell mache er viel mit Schichtholz, schätze aber auch vom Menschen gemachtes Material wie Glas. Das tollste Material aber sei immer noch das menschliche. „Ich gehe täglich in mein Atelier, werde dort vom Material geführt.“

Wenn eine antike Amphore und eine Coladose verschmelzen

Die Küllenhahner hören gespannt zu, fragen nach seiner siebenteiligen Granitskulpturengruppe, die er 1993 auf der Mole der Gemeinde Bodø, Stützpunkt der norwegischen Luftwaffe, aufstellte und damit dem russischen Militär Rätsel aufgab. Nach seinen verschiedenen Ateliers in Wuppertal (das erste war in Vohwinkel, heute ist es in einer ausgedienten Panzerhalle der ehemaligen Kaserne oberhalb des Campus Freudenberg) und einem Kunstwerk, das ihm besonders am Herzen liege. „Mein Atelier hat ein 2000 Quadratmeter großes Lager voller Dinge, die mir ans Herz gewachsen sind“, lenkt er ab und sagt bescheiden: „Wenn mir Dinge wichtig sind, staune ich, dass ich sie gemacht habe und realisiere erst ihre Bedeutung.“ Understatement auch, als er nach Jürgen Klopp und dem FC Liverpool gefragt wird. „Bildhauerei ist nie so wichtig wie Fußball“, sagt Cragg. Er erzählt bereitwillig die alte Anekdote, die um seine Hybridformen, die Plastiken „Early Forms“, entstand, die er 1990/91 für die Eingangstreppen des Von der Heydt-Museums schuf und die von der damaligen Museumschefin Sabine Fehlemann mit der Verschmelzung einer antiken Amphore mit einer Coladose verglichen wurden.

Am Ende der kurzweiligen Talkrunde wird es nochmal ernst. Cragg kritisiert überspitzten Nationalismus jedweden Landes, erinnert daran, dass Großbritannien 40 Jahre lang „irrsinnig von der EU profitiert“ habe, hofft, dass Premierminister Boris Johnson nicht zu viel Unheil anrichte und es mittels auszuhandelnder Verträge „vielleicht ja doch gut geht“. Und er gibt sich zuversichtlich, dass die Verbindung Großbritanniens und Europas bestehen bleibt: „Der rege Austausch bereichert uns.“ So wie er selbst sowohl an den Ort, an dem er aufgewachsen sei, als auch an Deutschland, wo er so viele Jahre verbracht habe, gebunden bleibe.

In dem Bewusstsein, dass es zeitliche und materielle Grenzen gebe, innerhalb derer er funktioniere, „genieße ich die Zeit, bin fröhlicher als damals als 20-Jähriger“.