Buch: Was Heinrich Heine für Düsseldorf ist, ist Else Lasker-Schüler für Wuppertal

Buch : Was Heinrich Heine für Düsseldorf ist, ist Else Lasker-Schüler für Wuppertal

Interview Ulrike Schrader, Leiterin der Begegungsstätte Alte Synagoge, spaziert mit ihrem Buch durch das Elberfeld der großen Dichterin, die in diesem Jahr 150 Jahre alt geworden wäre.

Soviel Else Lasker-Schüler (ELS) war nie – 150 Jahre nach ihrer Geburt in Elberfeld gedenkt Wuppertal seiner großen Künstlerin und Tochter. Ein besonders optisch, haptisch und inhaltlich wertvolles wie lokal verortetetes Buch mischt sich nun unter die Geburtstagsfeiergäste: In „Verzauberte Heimat“ macht sich Ulrike Schrader, Literaturwissenschaftlerin und Leiterin der Begegnungsstätte Alte Synagoge, auf unterhaltsame wie informative Spurensuche. Der im Wuppertaler Peter Hammer Verlag erscheinende Band vereint auf knapp 130 Seiten mehr oder weniger bekannte Texte und Bilder. Im Gespräch mit dieser Zeitung erzählt Ulrike Schrader, was Leserinnen und Leser erwartet und was sie persönlich an Else Lasker-Schüler schätzt.

Warum geben Sie ein Buch über ELS heraus?

Ulrike Schrader: Die Begegnungsstätte beschäftigt sich mit der Erforschung der Juden in Wuppertal. Else Lasker-Schüler war die prominenteste Jüdin hier - auch wenn sie 1894 nach Berlin ging. Was Heinrich Heine für Düsseldorf ist, ist Lasker-Schüler für Wuppertal.

Welchen Aspekt von ELS behandelt das Buch?

Schrader: Es versammelt Lasker-Schülers Orte, die mit Wuppertal zu tun haben. Eine ferne Geschichte rückt näher, wird anschaulicher, indem sie anhand von Orten erzählt wird, die die Menschen kennen.

Herausgekommen ist „Ein Spaziergang durch Else Lasker-Schülers Elberfeld“:

Schrader: Vermutlich hat ELS die Stadtgrenze von Elberfeld nie überschritten. Höchstens, um ganz weit weg zu gehen. Ich bezweifle, dass sie jemals in Barmen war. Sie hat ihre Heimatstadt Elberfeld immer als kleines Paradies beschworen. Hat später immer noch Elberfelder Platt benutzt. Selbst das Schauspiel „Die Wupper“ soll sie in Platt geschrieben haben.

Wie ist das Buch aufgebaut?

Schrader: Systematisch nach den Anfangsbuchstaben der Adressen und Straßennamen, die ich ausgewählt habe.

Was bedeutet der Titel?

Schrader: „Verzauberte Heimat“ stammt aus einem ihrer Prosatexte. Sie verzaubert Elberfeld ja wirklich. Es geht ihr nicht um historische Richtigkeit, das erlaubt schon die Dichtung nicht. Sie nimmt alles an Wirklichkeit auf, um es zu verdichten, zu Kunst zu machen. Aber die Bilder, Metaphern, Beschreibungen, die dabei entstehen, rufen bei Menschen, die hier leben, sofort Bilder hervor, die ganz einleuchtend sind.

Das Buch ist sorgfältig gestaltet.

Schrader: Es ist ein Geburtstagsgeschenk, das ich im Auftrag der Stadt Wuppertal herausgebe. Etwas Besonderes. Die Textsuche und -gestaltung soll eine Annäherung an Lasker-Schüler bewirken. Und das Düsseldorfer Büro Ullrich hat sich viel Mühe mit der Gestaltung und der Text-Bild-Komposition gemacht. Es gibt auch seltene Bilder, zum Beispiel eine sehr schöne Zeichnung, die ELS angeblich im Café des Westens zeigt, was aber nicht sein kann, weil es das Café zum Zeitpunkt der Entstehung des Bildes (1917) nicht mehr gab. Interessant ist auch das Titelbild, das im Buch abgedruckt wird. Es trägt ihre Unterschrift mit dem Doktortitel ihres Mannes. Da war sie noch nicht lange verheiratet und noch ganz konventionell. Überhaupt bin ich skeptisch, wenn sie zuweilen feministisch vereinnahmt wird. ELS war ein Solitär und lässt sich kaum irgendeiner Gruppe zuordnen, und ob sie aber all das war, was die Nachwelt ihr andichtet, weiß ich nicht. Ich halte mich da zurück.

Wer kommt im Buch zu Wort?

Schrader: Überwiegend Else Lasker-Schüler selbst, dabei eher Prosa. Der befreundete Dichter Paul Zech und der Wuppertaler Schriftsteller Paul Pörtner, der auch mal ein Else Lasker-Schüler-Buch schreiben wollte. Anekdoten aus einem Buch von Adolf Dorp. Zeitungsartikel, darunter auch unbekanntere von einer Lesung von 1952, als das Schauspielensemble Texte von ihr las, kurioserweise zum „Tag der Heimat“. Interessant zu lesen, wie die Bevölkerung sieben Jahre nach dem Krieg zu ihr stand. Es ist also nicht ganz richtig, wenn es heißt, die Wuppertaler hätten sie nie geliebt.

Auf welchen Quellen basiert das Buch?

Schrader: 2003 habe ich mein erstes ELS-Buch gemacht und dafür auch das meiste schon recherchiert. Ich war viel im Stadtarchiv, in der Stadtbibliothek, habe im Hamburger Staatsarchiv zwei Briefe entdeckt, in denen sie sich beim Oberbürgermeister von Hamburg für ihren Bruder Alfred eingesetzt hat. Das tat sie, obwohl ihr Verhältnis gar nicht gut war. Und sie bat den Oberbürgermeister dringend um Verschwiegenheit – ihr Bruder sollte nichts von ihren Bettelbriefen wissen. Das entspricht jüdischer Ethik: Der Geber bleibt anonym. Und sie hatte Erfolg, denn man hat Alfred Schüler Bilder abgekauft, die ich ebenfalls im Staatsarchiv gefunden habe.

An wen richtet sich das Buch?

Schrader: An Liebhaber und alle Wupppertalerinnen und Wuppertaler.

Erfährt man Neues?

Schrader: Die Rezeptionsgeschichte wird etwas breiter, wodurch möglicherweise das eine oder andere Urteil etwas korrigiert werden muss. ELS war eben nicht so ganz vergessen und verfemt, wie es oft heißt. Manche Fotografien bestimmter Orte sind vermutlich nicht sehr bekannt.

Was schätzen Sie an ELS?

Schrader: ELS hat eine ganz einzigartige Dichtung in einem unverwechselbaren Ton hinterlassen. Auch wenn nicht restlos alles, was sie geschrieben hat, gelungen ist – ihre Texte sind Poesie durch und durch. Ihre Wortschöpfungen, Kombinationen und Verfremdungen sind treffsicher und bringen reiche Assoziationen in Gang, und ihre sprachlichen Bilder sind lebendig und wunderbar.

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